Touren in Deutschland

Watzmann (2713m), Wiederroute

21.09.2019 – 22.09.2019

Durch die „Kleine Ostwand“ auf des Königs Haupt

Am Watzmann war es dann tatsächlich soweit: Der erste, miterlebte Bergrettungseinsatz meiner alpinen Karriere. Allerdings betraf es niemanden aus unserer Gruppe und es handelte sich auch nicht um einen Bergunfall im eigentlichen Sinne. Der Berg war in diesem etwas speziellen Fall eine Bierbank und die objektive Gefahr lauerte im Bierkrug.

Martin, Antje und ich gabelten Klettergreenhorn Maxi in München auf und tuckerten an einem entspannten Samstag zum Hammerstiel-Parkplatz in Schönau. Dort warteten schon Fabi und Janina auf uns und schon begann der Zustieg zur gut besuchten Kührointhütte.

Auf der Alm unterhalb des Grünsteins dann der o.g. Zwischenfall. Ein ortsbekannter, älterer, gemütlich ausschauender Mann saß mit blutverschmiertem und provisorisch verbundenem Kopf auf der Bierbank. Dort hockte er laut Wirtin bereits seit geschlagenen sechs Studen und genoß das Leben mit reichlich Gerstensaft… bis er rückwärts von der Bank plumpste und dabei ordentlich mit dem Schädel bremste. Ein Fall für die Bergwacht!

Wir fanden jedenfalls, dass der gute Mann beinahe alles richtig gemacht hat, denn das Bier schmeckte hervorragend und das Wetter machte echt durstig. Gute Besserung an dieser Stelle!

Jetzt aber zum sportlichen Teil der Tour:

Abmarsch von der Kührointhütte war Punkt 5 Uhr in aller Herrgottsfrühe. Ziemlich warm war’s für die Uhrzeit. Immer in Richtung Watzmannhaus, dann links abbiegen ins Watzmannkar und selbiges über gut ausgetrampelten Pfad rauf, am Ende den Steinmännchen folgend, zum bemitleidenswerten Watzmanngletscher. Oder besser das, was die Klimaerwärmung noch von ihm übrig gelassen hat.

Über das Firnfeld und mühsam den Schuttkegel hoch zum Einstieg auf 2100m. Ein Bohrhaken zeigt, dass man die richtige Rampe erwischt hat. Fabi übernimmt die 2er-Seilschaft mit Martin – ich die 3er mit Antje und Maxi.

Etwas Spürsinn, das Topo von bergsteigen.com und halbwegs gute Augen reichen bei der Navigation durch diese immerhin 600m hohe, gut gegliederte Ostwand.

Schnell stellt sich heraus, dass Bergsteiger-Rookie Maxi auch in der Vertikalen richtig marschiert.

So wird das markante, autobahnbreite Wiederband mit seinen hübschen Wasserrillen zum puren Genuss.

Alles und jeder von uns in Trekking / Bergschuhen. Nur bei den wenigen 3er-Stellen der Tour packen wir die Seile aus, ansonsten hat jeder Spaß an der Freiheit. Antje klettert ja bekanntlich auch Dolo-4er ab und Martin ist Galenstock-Südgrat-approved.

Kurz noch nen doofen Spruch ins Wandbuch hinterm Bandwächter gekritzelt und weiter geht’s durchs Felsenfenster zum zweiten Band.

An dessen Ende sieht man zwei große Steinmänner. Meiner Meinung nach ist auch das obere der beiden Bänder gut kletterbar, wenn auch etwas anspruchsvoller. Nach der teilweise ausgesetzten Rechtskurve hinter Band #2 gähnt die Tiefe der Großen Ostwand. 1800m hat dieser überdimensionale, gestufte Steinbruch. Der steilste Schutthaufen der Ostalpen sagt man. Sogar die winzige, schuhschachtelgroße, orangene Biwakhütte sieht man in der Wand.

Wir steigen bei bestem Wetter und guter Laune den kompakten Fels der letzten beiden Seillängen rechts der Schuttrampe in Richtung Mittelspitze am Seil empor, als uns eine fünfköpfige Gruppe fast mit Schallgeschwindigkeit und Trailrunningschuhen überholt: „…Kürointhütte?? Naa…mir sahn Einheimische…da startetma im Tal“. 1,5h nach uns losgelaufen im Tal – und vor uns auf dem Gipfel. Und wir waren nicht mal langsam. Respekt!

Nach 2,5h Zustieg und 3h Kletter-/Geherei stehen wir auf dem höchsten Punkt des Watzmannklotzes.

Im Getümmel der Klettersteiggeher der Überschreitungstour. Von biersaufenden Osteuropäern über Chucks-tragende, pseudonostalgische Möchtegernalpinisten bis hin zum verirrten Wanderer und Speedbegeher trifft man hier oben alles.

Wir futtern erstmal unsere Rucksäcke leer und balancieren über den Watzmanngrat zum Hocheck, wo Janina uns in Empfang nimmt. Gemeinsam schinden wir uns das steinige Gelände bis zum Watzmannhaus runter.

Martin hat sich blöderweise seine Schuhe in der Kinderabteilung gekauft und muss jetzt dafür büßen. Seine Zehennägel hat er jedenfalls irgendwo im Abstieg auf den 2000 Höhenmetern zum Auto zurück verloren. Wer sie findet – bitte melden.

Spätestens unten in Schönau merkt man dann ganz sicher, was man an dem Tag alles geleistet hat, auch inkl. Übernachtung auf der Kühroint 😉

Steckbrief Watzmann Mittelspitze via Wiederroute:

  • Schwierigkeit: III- (meist I-II oder Gehgelände)
  • Absicherung: Alpin (Stände nur in Einstiegsrampe)
  • Hoch / runter: 1300hm (ab Kührointhütte), davon 550m Wand / 2000hm (zurück bis Hammerstiel)
  • Übernachtungsmöglichkeiten: Kührointhütte (im Aufstieg), Watzmannhaus (im Abstieg), beide bewirtet

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