Touren in Österreich

Südliche Wetterspitze (2747m), Wetterkante

31.08.2019

Alpiner Wetterstein-Longline-Kracher im „abwechslungsreichen Fels, von alpin und brüchig bis ausgesetzt und fest“

Quelle: www.alpin.de

Darf man sich, wie man sich so erzählt, in Kletterkreisen nicht entgehen lassen, wenn man schottererprobt ist, gut mit Steinschlag umgehen kann und sich selbst vor anspruchsvollsten Navigationsherausforderungen in der Vertikalen nicht ins Höschen macht.

Obwohl für eine Dreierseilschaft wegen der fliegenden Steine und dem Seilmanagement nicht wirklich ratsam, machten sich an einem herrlich frühwarmen Samstagmorgen um 4 Uhr Simon, Thomas und ich nach einer Nacht auf dem Parkplatz der Ehrwalder Almbahn bereit für dieses Abenteuer.

Simon hatte sich extra noch selbst eingeredet, dass er auf brösligen, anspruchslosen Fels steht und dachte, ne XXL-Dose Erasco Bohneneintopf „gibt Kraft“ vorm Schlafengehen. Super Idee. Der Reizdarm wird’s schon richten. Thomas und ich wiederum versuchten, unser chronisches Schlafdefizit am Abend mit Bier auszugleichen.

Bier und Bohneneintopf wechselten jedenfalls schon beim Aufstieg über Feldwege und im Anschluss entlang des Bergrückens unter der Wetterkante ihren Aggregatzustand. Einzig nennenswerte Vorkommnisse: Simon stolpert im Wald über ein Hirschgeweih (natürlich nicht echt, sondern aus der Spielwarenabteilung) und kurz darauf verschluckt uns der Latschengürtel, bis wir dann endlich nach ca. 2 Stunden am markanten geschlechtsteilähnlichen Felskopf am Wandeinstieg stehen.

Dem Latschenhorror entkommen
Thomas überprüft noch schnell sein Testament, Simon durchsucht das Topo nach potentiellen Stellen, um den Erasco-Teufel loszuwerden und ich schau einfach nur zerknautscht in die Kamera

Rein in den Steinbruch!

Die ersten ca. 200hm begeht man noch seilfrei im I-IIer-Gelände. Keine Steine loszutreten, die den Kumpels dann um die Ohren sausen und dann gleichzeitig noch den richtigen Weg zu finden lautet die Challenge.

Black Diamond „Hirsch“ Edition

In den Kletter-Foren liest man immer wieder von Seilschaften, die auf der Suche nach dem ersten Bohrhaken, welcher den Einstieg in die Kletterroute darstellt, die Flinte ins Korn werfen mussten und umgedreht sind. Wir aber steuern ungebremst und zielgenau auf dieses kleine silbrige Ding in der Wand zu. Zur Belohnung gibt’s dann auch gleich einen Schluck aus „Michis Brand“ (unbekannter Michi – wenn du das liest, bitte melden), der sensationellerweise an besagtem Haken hing und megalecker war.

Es folgen nun 21 Seillängen durch alle Facetten des Kalks. Macht genau 7 Seillängen im Vorstieg für jeden von uns. Das Ausknobeln wer anfangen darf sparen wir uns, weil Simon und ich noch zu faul sind. Also fängt Thomas an, während wir teilwiese synchron nebeneinander kletternd nachsteigen, im Kampf um den festen Griff und am Standplatz irgendwie die Zeit totschlagen:

Mittels Topo aus Adi Stockers großartigem Longlines-Kletterführer und einer Spürnase für alpines Gelände kommt man in dieser beachtlichen 1000m-Wand ganz gut zurecht. Trotzdem ist die Freude im Vorstieg immer wieder groß, wenn man auf einen soliden Haken oder gar einen der gebohrten und zusätzlich noch geklebten Standplatzhaken stößt. Oft muss allerdings improvisiert werden.

Die Seillängen 8-14 bin ich an der Reihe.

Wir sind an diesem Tag die einzige Seilschaft weit und breit. Nicht all zu oft wird dieser Klassiker begangen. Zu abschreckend sind Wandhöhe, Wegfindung und sicher auch das Schottergespenst. Thomas räumt bei der Gelegenheit auch gleich mal auf:

Simons Erasco-Alien im Bauch hat sich in der Zwischenzeit auch verabschiedet und so geht’s zügig durch die letzten sieben Seillängen:

Irgendwie hält der Schotter doch tatsächlich noch zusammen

Eine der fotogensten, weil luftigsten Stellen ist der sogenannte Reitergrat:

Nach ca. 6h ab Wandfuß stehen wir um 13 Uhr bei bestem Wetter und vorbeifliegenden Paraglidern auf dem Gipfel. Gefeiert wird mit Geweih, Geschrei und Pisco-Schnaps aus Peru.

Ursprünglich wollten wir diesen Abend gemütlich auf der Knorrhütte ausklingen lassen. Weil wir aber viel zu flott unterwegs waren und der Sonnalpin-Biergarten viel näher erschien, seilten wir schnell die 60m nordseitig ab und rannten vom Bierdurscht angetrieben die Piste hoch zum güldenen Glück:

Prost auf eine nachhaltig beeindruckende Felsfahrt!

Steckbrief Südl. Wetterspitze, Wetterkante (SW-Grat):

  • Schwierigkeit: V- (meist aber III-IV oder leichter)
  • Absicherung: Alpin (Stände größtenteils gebohrt / geklebt, bzw. mit Schlinge gut baubar, wenige Zwischenhaken, einige Schlaghaken)
  • Hoch / runter: 1650hm (ab Talstation Ehrwalder Almbahn), davon ca. 1000hm Wand (erst 200hm frei dann 21 SL) / 60m Abseilen, 200hm Abstieg und ca. 200hm Gegensteigung bis Sonnalpin
  • Übernachtungsmöglichkeiten: Reichlich Optionen in Ehrwald. Günstige Alternative: „Hotel Sternenhimmel“ auf Parkplatz Ehrwalder Almbahn 😉

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