Touren in Österreich

Totenkirchl (2190m), Westwand Dülfer

01.11.2019

600 Meter vertikales Felsenlabyrinth

Herbststimmung im Alpenraum. Feuchte Nebelsuppe im Tal, angezuckerte Gipfel, frostige Temperaturen. Eigentlich hübsch anzusehen, aber für den Bergsüchtigen in der Regel die schlimmste Zeit des Jahres – oben liegt zu wenig Schnee für den Wintersport, unten ist’s zu nass oder zu kalt zum Klettern. Wer aber in der Lage ist, sich Dinge schön zu reden und gleichzeitig auch das erforderliche Mindestmaß an Leidensbereitschaft aufbringt – der kann in dieser Jahreszeit mit etwas Fortune richtig was erleben und die Winterdepression hinauszögern.

So kam es, dass Simon und ich uns von einer mittelprächtigen Wetterprognose ins Kaisergebirge locken ließen. Die saisonbedingte Kletterpause wollten wir einfach nicht akzeptieren und stattdessen lieber Pause klettern! Also Routen aus der legendären Alpinkletterbibel „Im extremen Fels“ von Walter Pause. Davon gibt es im Kaiser so einige Perlen. Die längste davon und überhaupt eine der längsten in diesem Gebirge führt durch die mächtige 600m-Westwand des Totenkirchls.

Verrückte Linie

Erstbegangen bereits am 26.09.1913 von Hans Dülfer, der seiner Zeit voraus zu sein schien. Damals lediglich mit Schlaghaken bewaffnet, mit klobigen Schuhen (Kletterschuhe nonexistent) und Hanfseil, welches mangels Klettergurt (war noch nicht erfunden) einfach um den Torso geschnürt wurde. Da jetzt mit unserer Highendausrüstung bloß wegen der Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt rum zu jammern hielten wir für unangebracht – also Arschbacken zusammen petzen, warm einpacken und aufigehts! Wer schnell klettert, dem wird auch warm… und schnell klettern war ohnehin angesagt, denn die Tage zu dieser Jahreszeit sind bekanntlich kurz – die Kletterroute dafür umso länger. Genug der einleitenden Worte – jetzt geht’s zur Sache!

Wir sind der ungemütlich feuchten Nebelsuppe bereits entkommen und knapp unterhalb des Stripsenjochs, als der Tag erwacht.

Blick in die „Steinerne Rinne“. Rechts ragt die Fleischbank auf
Fleischbank-Pfeiler mit der Hardcore-Route „Des Kaisers neue Kleider“ (X+), mitten durch die hellen Flecken
Der Multivan steht unten im Nebel

Am Joch angekommen gibt es viele Trampelpfade die in Richtung Totenkirchl leiten. Wir ziehen gleich mal die Niete und stehen bald viel zu weit oberhalb der eigentlichen Querung ins Kar in einer Sackgasse. Der Fehler wird korrigiert, indem wir uns einer Gruppe von Gämsen folgend eine steile Rinne runterwurschteln.

Kleiner Abstecher ins Gemüse…

Eine halbe Stunde später stehen wir am Einstieg der Tour – der Winklerschlucht.

Vorbei am Eispanzer, rein in die Schlucht
Rechts – die Winklerschlucht
In der Schlucht. Nach ca. 120m geht irgendwo links die eigentliche Route los laut Topo

Durch die Randkluft des Altschneepanzers geht’s seilfrei in II-III – Gelände den tiefen Einschnitt empor. Ab jetzt wird’s interessant. Entweder liegt’s an dem irreführenden Topo oder an der Uhrzeit, aber wir können nicht mit Sicherheit die Abbiegung in die Westwand ausmachen. Am vermeintlichen Ende der Schlucht (großer Überhang) sehen wir links in der Wand einen neuzeitlichen Bohrhaken und klettern hoch. Schon mal ein gutes Zeichen für’s erste. Blöderweise lässt sich das Gelände danach wieder nicht so recht über das Topo bringen. Also Abseilen und weiter unten die Wand erneut absuchen. Ohne Erfolg. Satter Rumpelstart!

Daumen runter… wo zum Geier ist der Einstieg?
Blick aus der Winklerschlucht

Jetzt muss die Brechstange her. Wieder zurück zum Bohrhaken und einfach geradeaus über Platten und Kamine aufwärts in der Hoffnung, die im Topo eingezeichneten Standplätze zu finden. Hier und da lacht uns ein antiker Rosthaken an. Friends und Keilen vertraut man da eher. Am laufenden Seil flitzen wir die markante Rinne hoch, dem steilen Wandteil entgegen. Simon steigt vor. Nach ca. 80m checke ich erneut das Topo und ein Foto der Linie. Wir sind uns sicher, zu weit rechts der Route zu sein und ich erkenne nun auch die Rinne in der wir uns befinden auf dem Bild. Wir schreien uns gegenseitig Kommandos zu. Simon entkommt daraufhin der Steilrinne nach links auf einen Pfeiler und sieht: einen wunderbar eingerichteten Stand!

Back in the Game!

Nun bin ich an der Reihe. Gerade hoch auf den Pfeilerkopf vor der ersten VI-er-Querung, die wir bereits erkennen können. Zwischenhaken sucht man vergeblich und kann froh sein, ein verlässliches Placement zu realisieren. Die Felsfestigkeit in dieser Seillänge würde ich als nervenaufreibend bezeichnen. Dafür liegt die Kletterei noch im moderaten Bereich.

Eine der wenigen Seillängen mit unzuverlässigem Fels
Bequemer Stand auf dem Pfeilerkopf
Rampe nach der ersten VI-er-Querung

Im fliegenden Wechsel arbeiten wir uns vor, bis zur Schlüsselstelle – dem „Nasenquergang“. Eine extrem fotogene Linksquerung in fabelhafter Felsqualität mit ganz viel Luft unter den Füßen, vorbei an einer nasenförmigen Ausbuchtung. Als wär’s inszeniert erreicht uns genau in diesem Moment die Sonne und die Finger tauen endgültig auf.

Dülfer und sein Partner Von Redwitz überlisteten diese „unüberwindbare“ Passage im Grad VII- mit Hilfe der Pendeltechnik. Seil oberhalb am Schlaghaken umlenken, reinhängen und rüber zur Nase schwingen. Wir wollten diese Crux bzw. die gesamte Route modern in freier Kletterei meistern, was uns auch gelang. 🙂

Simon checkt die Crux aus. Über seinem Kopf – die Nase
Crux geschafft! Simon in der Nase
…kurz vor der Schlüsselstelle
Ich, in der Crux

Kleiner Hinweis an die Kletter-Laien unter den Lesern, denen jetzt wieder das Herz rast: „Frei“ ist nicht gleichbedeutend mit „ungesichert“, sondern meint das gesicherte Klettern, bei dem man sich nur Kraft seines Körpers (und Geistes) an den natürlichen Gegebenheiten in die Höhe bewegt. Also ohne Benutzung künstlicher Hilfsmittel, wie z.B. einer Trittschlinge oder einem Pendel.

Es bleibt nun knackig steil in bestem Fels und durchgehend dürftiger Absicherung, die auch Eigeninitiative verlangt. Die Routenfindung erfordert mangels Zwischenhaken als Orientierungshilfe und einer völlig verrückten Zickzack-Linienführung durch die gesamte Riesenwand ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit und Erfahrung. Nach dem Nasenquergang hält man sich im großen Bogen links, danach kurz geradeaus hoch, um direkt im Anschluss im VI-er-Gelände ein Stück abzuklettern. Treffende Namen dieser beiden Seillängen: „Zickzackwandl“ und „Schluchtquergang“.

Wunderbar luftige Kraxelei im Zickzackwandl
In der Querung zur Gipfelschlucht muss auch mal im Grad VI abgeklettert werden
Querungsseillänge nach rechts, aus der Gipfelschlucht hinaus
Knackige Stelle zw. Gipfelschlucht und Kaminreihe

120 Meter weiter oben warten zur Krönung dieser Tour noch klassische, menschenfressende Kaiser-Kamine auf die Aspiranten. Offwidth bis die Schwarte kracht. Einatmen=verklemmen, ausatmen=weiterklettern. Doof nur, dass mein Rucksack zu fett ist.

Der Kamin will mich fressen… spuckt mich aber kurz danach wieder aus
Simon im Verdauungstrakt der Kaiserkamine

Die Dunkelheit sitzt uns nun schon im Nacken. Deshalb schonen wir Körper und Material nicht außerordentlich und schruppen uns die Kamine empor. Wer nicht unbedingt den Körper einer Spinne vorzuweisen hat, dem sei geraten sein Wurschtbrot möglichst erst nach diesen Seillängen in sich rein zu stopfen – ansonsten droht ein verhängnisvoller Körperklemmer.

Im letzten Licht des wundervollen Herbsttages erreichen wir abgekämpft, aber wie man so schön abgedroschen sagt, überglücklich diesen Alpinklassiker genossen zu haben, das eingeschneite Gipfelkreuz.

WhooopWhooop
Summit!!
Angezuckerte Nachbargipfel

Weil der Gipfel immer erst die Halbzeit ist, wartet nun noch der Abstieg über den Führerweg (Normalweg). Als Extrachallenge ab der Hälfte im Stockdunkeln mit Stirnlampe. Ein Abseilmarathon mit nun ordentlich Kohldampf. Das verleiht so einer Tour erst die finale Würze und lässt das Wiener Schnitzel mit diversen Bierchen im Anschluss in der Fischbachalm zum Hochgenuss werden.

Schuhe sind gewechselt, Daune ist übergezogen… abwärts geht’s
Die Dunkelheit holt uns ein

In Erinnerung bleibt nach dieser abenteuerlichen Felsfahrt definitiv der wilde, einsame und alpine Flair. Für dieses Gebiet absolut untypisch sind wir den ganzen Tag über die einzige Seilschaft weit und breit – was natürlich der Jahreszeit geschuldet war. Wer wagt – der gewinnt!

Und dennoch standen wir, wie sich später herausstellen sollte, unter Beobachtung. Ein ortskundiger Bergsteiger, der zur gleichen Zeit auf dem höchsten Gipfel, der Ellmauer Halt, schräg gegenüber von uns unterwegs war hatte wohl Adleraugen im Kopf. Er kannte unsere Route und konnte zwei bunte Ameisen in der Bigwall zwischen Schlüsselstelle und Gipfelschlucht ausfindig machen. Die unendliche Vernetzung via Social-Media und der Hashtag-Funktion führten letzten Endes zu dem krassen Glücksfall, dass uns das Bild von diesem Moment vom netten Kollegen auf der Ellmauer Halt zugespielt wurde. Recht herzlichen Dank dafür! 🙂

Die Dimensionen dieser Wand werden klar, wenn man uns als stecknadelkopfgroße Pünktchen erkennt…
Bild oben im Zoom – und siehe da… here we are!

Kaisergebirge – Eldorado der Kletterjunkies – und der Beweis dafür, dass Berge nicht hoch sein müssen, um spektakulär zu sein.

Nach einem Bier zu viel legten wir uns in den bereits völlig versifften Multivan.

Und schon sind die Kalorien wieder drin

Ich hätte den Wecker für den nächsten Morgen am liebsten ausgeschaltet, aber Simon ließ nicht locker. Die Gier nach Pause-Touren war zu groß. Es kam wie’s kommen musste. Nach der Tour ist vor der Tour. Ziel: Predigtstuhl – Schüle-Diem / Haslacher-Behringer. Ein weiterer Knaller aus der Kletter-Bibel! Beitrag folgt!

Steckbrief Totenkirchl, Westwand (Dülfer)

  • Schwierigkeit: VII- (VI- A0) im Nasenquergang, ansonsten oftmals V bis VI
  • Absicherung: Stände mit Klebehaken eingerichtet (wenn man sie findet), Bohrhaken an Schlüsselpassagen vorhanden, dazwischen einige Rostgurken aus unterschiedlichsten Epochen
  • Hoch / runter: 1200hm (Griesneralm bis Gipfel), 18 SL Kletterei in der Route
  • Übernachtungsmöglichkeit: Griesneralm oder Stripsenjochhaus (Saisonschluss beachten). Wenn geschlossen (so wie bei uns) bietet sich eine Parkplatzübernachtung bei der Griesneralm an

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