Touren in Peru

Alpamayo (5947m), French Direct (Peru Expedition Teil 1)

14.06.2019 – 20.06.2019

Der schönste Berg der Erde?

Wir waren bereit!

  • Unser Blut bestand nach den 7 Tagen Vorbereitung in Höhen zw. 3000 und 5000m vermutlich zu 100% aus roten Blutkörperchen und war dick wie Kleister
  • Die Hirnödeme und Darmexplosionen waren Geschichte
  • Alle waren gesund und gut drauf
  • Wir hatten so viel Snickers, Südtiroler Speck, Highend-Trockenfutter und italienischen Kaffee importiert, dass wir die ganze Pasta, den Thunfisch und das Porridge, welches wir extra noch gekauft hatten, vermutlich gar nicht gebraucht hätten

Akklimatisationsphase in Bildern:

Start Projekt #1: Alpamayo

In der Casa de Guias holten wir uns die letzten Infos zu den Verhältnissen am Berg. Die Antwort, wurscht nach welchem Ziel man fragte, lautete immer „muy bien“.

Das Wetter war grandios und unser Eselstreiber Herbert stand mit seinen drei Eseln am Eingang zur Schlucht des Santa-Cruz-Treks bereit.

Der Plan war denkbar einfach: Wir wollten im Alpinstil, ohne viel Schnickschnack selbstgeführt auf den Gipfel. Heißt per Definition: „…eine Route in einem einzigen, kontinuierlichen Anstieg ohne externe Hilfe zu klettern, ohne zuvor gelegte Fixseile, Lager oder gehortete Vorräte, und ohne die Route zuvor zu erkunden.“

Unsere Strategie sah folgendermaßen aus:

  • Tag1: Trekking bis zum ersten Camp „Llamacorral“ auf 3760m
  • Tag2: Trekking ins Alpamayo Basecamp (BC) auf 4350m
  • Tag3: Ohne Eselsupport bis zum Moränencamp (MC) am Gletscherrand auf ca. 5000m
  • Tag4: Über teilweise steilen Gletscherbruch hoch ins Alpamayo Highcamp (HC) auf 5450m
  • Tag5: Gipfeltag / Puffertag
  • Tag6: Gipfeltag / Puffertag
  • Tag6: Zurück ins BC
  • Tag7: Zurück zum Startpunkt

Es kam natürlich alles anders.

Tag 1:

Über staubige Trampelpfade taucht man durch einen gigantischen Schlitz im Gebirge ein, in die Wunderwelt des andinen Hochgebirges. Immer entlang des glasklaren, tosenden Gebirgsflusses geht es vorbei an bizarrer Flora und erstaunlich vielen Kühen gemächlich hoch ins Llamacorral-Camp wo wir unser bescheidenes Zeltlager errichten.

Obwohl die Saison erst losging um diese Jahreszeit war schon einiges los. Die unterschiedlichsten Menschen trifft man hier oben in der Wildnis. In bunten Alpakastoff gehüllte Santa-Cruz-Trekker, geführte Möchtegern-Bergsteiger, die ihren Mangel an Erfahrung durch umso teurere Ausrüstung zu kompensieren versuchen. Manchmal muss man sogar gehfaulen Touris auf Gäulen ausweichen. Man lernt Aussteiger kennen, die alles hinter sich gelassen haben und nur ganz vereinzelt Leute wie uns. Denn soweit wir das überblicken konnten gehörten wir zur kleinen Randgruppe der Bergsteiger, die ohne die Unterstützung einer ganzen Expeditionsmannschaft bestehend aus Guides, Trägern und Köchen, etc. ihr Ziel angingen.

Das Llamacorral-Camp liegt herrlich gelegen an einer breiten, grün bewachsenen Stelle des Tals direkt am kadaververseuchten Fluss. Ja genau! Dass glasklares Wasser trotzdem nicht gleichzeitig auch sauber sein muss zeigte sich gleich beim ersten Wasserfassen. Toter Hund hier, kompletter Kuhkadaver dort. Da scheint sich die Nationalparkverwaltung nicht verantwortlich zu fühlen. Nur gut, dass wir vorbereitet waren und ein Filtersystem dabeihatten.

Nachdem jeder sein Privatzelt aufgebaut hatte und die Pasta verschlungen war, wurde es zum Sonnenuntergang auch gleich frisch. Wir hätten noch einen vierten Esel mit Glühwein vollladen sollen, aber ein Lagerfeuer tat’s auch.

Die hohe Berge am Ende des Tals gaben eine magische Kulisse ab im Mondschein und machten Lust auf mehr.

Tag 2:

Der Duft von Kaffee und Speck brachte alle dazu aus dem warmen Schlafsack zu kriechen. Unser Donkey-Konvoi setzte sich in Bewegung. An der großen Laguna Jatuncocha vorbei biegt der Weg nun nach Norden ab in ein Seitental.

Man gewinnt rasch an Höhe und sieht zum ersten Mal die Objekte alpiner Begierde: Den Artesonraju (6025m), auch bekannt als Logo von Hollywoods Paramount Pictures und „unseren“ Berg, den Alpamayo (5947m), in einem Fotowettbewerb einst zum „schönsten Berg der Erde“ ernannt.

Im BC angekommen treffen wir einen der Guides aus dem Bergsteigerbüro. Er sitzt etwas bedröppelt zusammen mit seinen 4 Kunden im gemütlichen Küchenzelt und kommt kurze Zeit später zu uns rüber. Die Verhältnisse in der Wand, meint er, seien alles andere als „muy bien“. Abbruch am Bergschrund im tiefen Neuschnee, erzählt er zu unserer Verblüffung. Um uns nicht ganz die Laune zu verderben fügt er noch hinzu, dass seine Kunden allerdings konditionstechnisch eh kaum eine Chance gehabt hätten.

Wir bleiben auch trotz der ernüchternden Info bei unserer Planung, stopfen uns mit Pasta voll und deponieren unweit des Moränencamps noch am selben Tag unsere Kletterausrüstung unter einem riesigen Hinkelstein und steigen wieder ab ins Basislager.

Auch das BC ist herrlich gelegen im Talschlusskessel unterhalb der Laguna Arhuaycocha, eingerahmt in eine phantastische Bergkulisse. Bizarre, von Wind und Wetter gezeichnete Queñua-Bäume, endemische Riesenbromelien (sie werden bis zu 12 m hoch und blühen nach über 100 Jahren einmal mit ungefähr 20.000 Blüten um danach zu sterben) und die bis zu 1,5m hohe Anden-Lupine Lupinus Weberbaueri bestimmen das Bild (danke Wikipedia). Die Wiesen gleichen allerdings leider eher eine Kuhweide, so vollgeschissen sind sie. Man würde die Verursacher am liebsten gleich zu Wiener-Schnitzel verarbeiten.

Tage 3 und 4:

Für die Esel ist im BC Schluss. Ab hier ist der Weiterweg zu steil. Gefühlt tonnenschwer bepackt schleppen wir uns durch den Schutt in die Felswüste, an den Rand des großen Gletschers.

Zwei Zelte und diverse andere Dinge des Komforts ließen wir im BC. Beim Abwägen was man wirklich braucht und auf was man verzichten kann entstehen die herzzerreißendsten Szenen. Da zieht die geliebte Kaffeemaschine (Bialetti) beinahe unter Tränen den Kürzeren gegen das Klettermetall und muss unten bleiben. Eine Entscheidung, die einen fast zerreißt. Mich jedenfalls. Simon ist’s ziemlich egal. Er wollte am Tag davor unbedingt einen doppelten Espresso und ist heute froh kein Herzrasen mehr zu haben.

Im Moränencamp angekommen treffen wir bei immer schlechter werdendem Wetter auf zwei Südtiroler im Abstieg, die zum Aufwärmen vor zwei Tagen den Artesonraju mal eben mitgenommen haben. Ledrige Gesichter, minimalistische Ausrüstung. Manchen Bergsteigern sieht man schon an, dass sie’s draufhaben. Trocken und sachlich erzählen sie von ihrem Beinahe-Gipfelerlebnis am Alpamayo. Auf das HC haben sie gleich ganz verzichtet und sind den Gipfel hier vom Moränencamp aus angegangen. „Zu viele Expeditionszelte dort oben, alles vollgeschissen und pennen kannst auf der Höhe eh nimmer“. Leuchtete uns ein die Taktik. Im unteren, mit lockerem Schnee gefüllten Bereich der Wand frei und ab der Mitte mit einer lächerlich geringen Anzahl an Eisschrauben und Firnankern (Pickets) ausgerüstet sind sie bis 20m unterhalb des Gipfels vorgedrungen. „Keine Chance Sicherungen zu legen. Morsches Eis. Und dann war’s 60m-Seil zu Ende“. Das alles im 70-80° Grad steilen Gelände wohlgemerkt. Abbruch. Rückwärts runterklettern bis zu seinem Kumpel am letzten stabilen Fixpunkt und Abseilen.

Klingt ja super!

Sie wünschen uns viel Erfolg und Glück und verabschieden sich in Richtung BC. Ungefähr in diesem Moment fängt es an zu schneien. In der Regel werden ja bekanntlich die Verhältnisse bei Neuschnee nicht unbedingt besser. Kann ja heiter werden.

Wir beratschlagen uns und entscheiden die gleiche Taktik anzuwenden, wie die beiden Südtiroler-Maschinen. Lieber „fast and light“ ein paar Höhenmeter mehr machen bis zum Gipfel, anstatt die immer noch dicken Rucksäcke weiter zu schleppen und nach ner schlechten Nacht im HC zermatscht in die Wand einzusteigen.

Eine Expeditionsmannschaft, die bereits eine Nacht im MC verbracht hatte, sehen wir noch im Telezoom der Kamera in der Bruchzone des oberen Gletschers verschwinden.

Labyrinth aus Eis. Der Rest der Expeditionsmannschaft steht in einer Spalte unterhalb der Kletterer
Den Schnee bläst’s in die Südwestwand

Das Wetter wird jetzt richtig schön beschissen und zwingt uns zum Ausharren auf 5000m. 1,5 Tage und 2 Nächte lang wird gegammelt. Kleiderschrank Simon und ich mit meinen 1,85m liegen im kleinsten Zelt. Zwei Sardinen in der Büchse haben mehr Platz. Der Sauerstoff im Zelt ist nach einem Atemzug aufgebraucht und wird durch die unmenschlichsten Ausdünstungen aller Art ersetzt. Das hebt die Zeltplane und die Stimmung. Der Respekt vor den richtig krassen Alpinisten, die ganze Wochen so verbringen, wird in solchen Momenten mit jeder Sekunde größer.

Im Tibi/Thomas Zelt schaut’s auch nicht besser aus. Thomas muss ca. alle 3-4 Minuten Pinkeln und über Tibi drüber klettern, weil auf der anderen Seite vom Zelt der Abgrund gähnt, Apnoe-Tibi hingegen kontert mit Schnarchattacken, die den ganzen Gletscher zum Beben bringen.

Ab und an riss der Himmel für den Bruchteil einer Sekunde auf, nur um uns erwartungsvoll aus dem Zelt zu locken und dann doch wieder einzuschneien. Die Zeit reichte zumindest, um sich dem Hunger zu widmen. Angeblich kommt ja mit der Höhe die Appetitlosigkeit. Bei uns jedenfalls nicht. Tüte um Tüte Trekkingtrockenfutter und sonstiges wanderten in die Mägen. Internationale Küche. Von Chicken Tikka Masala über die Balkan-Reispfanne bis hin zum Eintopf „Wilde Försterin“ (?) war alles dabei.

Der Brennwert ist dabei alles. Der Wahn nach Energie bringt einen sogar dazu sich den geschmacklosen Schleim namens Porridge runter zu würgen.

Schleim Archivbild

Den Puffertag hatten wir also schon mal mit Gammeln und Fressen verheizt. Bedeutete, dass wir auf Wetterbesserung angewiesen waren über Nacht. Latente Nervosität machte sich breit in den kleinen Liliputanerzelten, als wir bei immer noch miesem Wetter versuchten zu schlafen.

Tag 5:

Wenn der Wecker dann endlich läutet um 1 Uhr nachts, gleicht das schon fast einer Erlösung.

Erlösen musste ich mich dann auch gleich mal von der wilden Försterin. Lag wohl am Glutamat-Schock. Der Blick ging zum Himmel. Sternenklare Nacht. Schwein muss man eben auch hin und wieder haben!

Der Haferschleim wollte nicht wirklich rein…lag vielleicht an der Uhrzeit oder doch der Höhe, mit Sicherheit aber an der Tatsache, dass das Zeug unglaublich widerlich schmeckt. Also Ausrüstung anlegen und los.

Die zwei T&S Seilschaften (Tibi/Simon und Thomas/Stephan) setzten sich um 2 Uhr in Bewegung. Der Anstieg zum HC wird durch den Gletscherrückgang von Jahr zu Jahr anspruchsvoller und heikler. Konnte man damals noch über sanfte Rampen ins letzte Camp, muss man nun schon in stellenweise richtig steilem Eis die Pickel schwingen. Je höher man kam – umso mehr weichen Grieselschnee hatte man unter sich. Langsam dämmerte uns, wie es in der Alpamayo Gipfelwand ausschauen musste.

Um ca. 4 Uhr stiegen wir oben am Sattel auf 5450m aus und sahen zum ersten Mal die gewaltige Pyramide im Mondschein. Ein wahrlich erhabener Anblick!

Bricht die Mannschaft auf oder kommt sie gerade erfolglos zurück?

Im HC war emsiges Treiben. Ein Gewusel aus Stirnlampen. Wieder erkannten wir einen Guide der Bergführer-Gilde in Huaraz. Mir fiel auf, dass einige der Klienten sich abklatschten und ins Zelt krochen. Was war passiert? Der sympathische Guide kam zu uns rüber, gab uns sogar heißen Tee und erzählte: Bereits gegen 2 Uhr war er aufgebrochen, zusammen mit den Klienten, die theoretisch noch in der Lage waren die Wand anzugehen. Sie wühlten sich den Lawinenkegel hoch bis zum Bergschrund auf ca. 5550m. Dort war dann Schluss. Die steilen, windabgewandten Rinnen der Alpamayo Südwestwand sind wie ein riesiger, 400m-Trichter in dem sich der ganze Neuschnee/Graupelmist sammelt und aufgrund der Steilheit (60-80°) runterrutscht.

Zitat Guide: „Da würde ich nicht einmal mit meinen Kletterkumpels einsteigen bei den Verhältnissen“.

Gedanklich mussten wir uns von unserem Ziel langsam aber sicher verabschieden, aber ein Bild von der Lage wollten wir uns trotzdem noch machen. Der Guide gab uns netterweise noch zwei seiner eigenen Pickets und drückte uns die Daumen für ein Wunder.

Mit mulmigem Gefühl, aber noch immer motiviert machten wir uns bei langsam einsetzender Dämmerung auf in Richtung Pyramide.

Wir nutzten die Spur des Expeditionstrupps. Unterhalb der Rinnen konnte man den abgegangenen und aufgestauten Neuschnee gut sehen. Wir standen nun am Bergschrund, wo laut der Südtiroler angeblich ein fixer Firnanker hätte installiert sein sollen. Nix zu sehen. Vermutlich alles unterm Schnee begraben. Mit einem soliden Punkt oberhalb der Steilstufe und einem beherzten Zug über diese kommt man ja normalerweise recht leicht über eine solche Stelle. Aber nicht im haltlosen, unverdichteten Graupelschnee. Das pure Grauen des Alpinisten!

Und selbst wenn man die Hürde mit Risiko nimmt, kann man die folgenden 150HM vermutlich keinen einzigen Fixpunkt im eisigen 60°- Gebrösel legen. Da bringen dir die 5 Pickets und 8 Eisschrauben pro Seilschaft auch nix mehr. Es müsste sich also jeder für sich, ungesichert hochwurschteln bis zum kompakten Eis. So bescheuert waren selbst wir nicht! Daher: Abbruch aus Vernunftsgründen!

Wir müssen uns geschlagen geben. Auf 5550m am Bergschrund ist im Grieselschnee Schluss (mit lustig). Hinter uns: Der Quitaraju

Wenn höhere Gewalt der Grund für einen Rückzieher ist, hält sich die Enttäuschung in Grenzen.

Das unglaubliche Panorama hinter uns, rüber zum winzig wirkenden HC, den 6000ern Quitaraju und Santa Cruz und den anderen Giganten der Cordillera Blanca war schier atemberaubend beim Wechsel von Mond und Sonne.

Zurück am HC bei aufgehender Sonne versammelten sich alle im kleinen Zeltdorf. Bekannte aus dem BC waren auch dabei. Das Walross zum Beispiel. Ein älterer, supersympathischer Ami mit namensgebendem Riesenschnauzer. Vor 30 Jahren ist ihm ein Bild vom Alpamayo in die Hände gefallen und seitdem wollte er ihn einmal in seinem Leben mit eigenen Augen sehen. Zum 60sten Geburtstag ist er nun also mit seinem Sohn und einer ganzen Mannschaft aus Helfern aufgebrochen zu diesem Abenteuer. Irgendwie haben sie es geschafft durch den steilen Gletscherbruch bis hierher ins HC zu kommen. Die Gipfelwand war ihm ziemlich wurscht – ihm hat der Anblick von hier aus völlig gereicht.

So ganz stabil war das Wetter noch immer nicht. Wolken bildeten sich rasch und aus dem Tal stieg dichter Nebel auf. Wir bedankten uns bei dem Guide für den Tee, die Infos und die nette Picket-Ausleihe und fingen an, uns durch die Bruchzone abzuseilen. Oben am Sattel gab’s eine eingerichtete Picket- Abseilstelle für die ersten 60m Abwärtsfahrt in die Nebelwand.

Danach fehlte zum Abalakovbauen das kompakte Eis. Zeit zum Material-Opfern. Wir kletterten rückwärts einen Hang runter bis zur Bruchzone. Oberhalb rammten wir ein Picket in den mit Spalten durchzogenen Untergrund. Solide ist anders. Fühlte sich an, als würde man eine Stange in Sahne stecken. Die Dicken (Simon) müssen in in einem solchen Fall den Anfang machen und der Leichteste (Tibi) hat den Nachzügler-Zonk. Lief aber mit viel Vorsicht glatt, auch wenn mal kurz ein Bein im Nichts einer Spalte verschwindet.

Zurück im Moränencamp: „Simon, was sagst du zum heutigen Tag?“ – Simon:

Dead but no summit

Nach einer kurzen Rast packen wir alles zusammen und schleppen unsere regentonnengroßen Rucksäcke zusammen mit dem Unrat zurück ins Basecamp.

Wieder Vegetation um sich zu haben und in seinem eigenen Zelt verschwenderisch ausgestreckt schlafen zu können kommt einem plötzlich vor, wie im 4-Sterne-Wellnes-Ressort. Nur dass wir alle nach den 6 Tagen körperlicher Anstrengung und Verwahrlosung bis zum Mond stinken.

Es lebe das Platzangebot und die Privatsphäre

Tag 6:

Das Bedürfnis nach einer Dusche ist mittlerweile so groß, dass wir selbst vor einem Bad im Eiswasser nicht mehr zurückschrecken und kurzerhand in den nahegelegenen Gletschersee springen. Nie war Körperpflege so befriedigend und gleichzeitig kaum auszuhalten. Herzstillstand gab’s gratis dazu.

Donkey-Driver Herbert kam dann auch tatsächlich wie vereinbart… hat sicher erst mal unsere Resozialisierung im Eiswasser abgewartet.

Im Lager war jetzt richtig viel los. Sogar das kleine Kiosk wurde in Betrieb genommen. Um uns herum wuselte es nur so vor Expeditionsmitgliedern aller Art. Das Beobachten wird da zum unterhaltsamen Tagesgeschäft. Den offenbar unerfahrenen Teilnehmern werden Crashkurse im Seilmanagement und im Einsatz ihrer Ausrüstung verpasst.

Spaltenbergungstrockenübungen werden veranstaltet. Man sieht ganze Gruppen, die sich gegenseitig die neuesten Techniken in der hohen Kunst des Eisgeräteschleifens anpreisen. Gefühlt den ganzen Nachmittag sitzen sie da herum und feilen Kanten! Leider bringt das schärfste Eisen wie wir wissen nix im senkrechten Schneegebrösel da oben – aber das wissen die Neuankömmlinge natürlich noch nicht.

„…und so bindet man sich ein…“

Diese Leute zu sehen, voller Vorfreude und Tatendrang, in Erwartung des nahenden Gipfelerfolges, aber gleichzeitig die momentanen Verhältnisse in der Wand zu kennen ist schon irgendwie seltsam.

Wie schlägt man so einen Tag noch tot? Z.B. mit Liegestütze. Oder indem man sich, auch wenn man gar keinen Hunger hat, noch eine letzte Tüte „Wilde Försterin“ reinschiebt. Besser zwei Bissen auf einmal runterschlucken, denn einer kommt gleich wieder hoch. Was immer geht: Kaffeekochen

Tag 7:

Ein langer Marsch stand an. Vom Basecamp in einem Rutsch zurück zum Startpunkt in Cashapampa.

Die Vorfreude auf riesige Berge aus leckerem Essen wird immer größer…

Auch die Lust auf köstlichen Alkohol…

Oder die Sehnsucht nach einem gemütlichen Zimmer mit solidem Bett…

Thomas: „Was ist das hier eigentlich für eine Müllkippe?“

… und einer warmen Dusche und bei manchen auch Internetempfang fällt nach so einer Woche schon überraschend groß aus.

Der Alpinstil in solchen Höhen, das muss man echt mal festhalten, strengt schon ordentlich an. Das liegt noch nicht einmal an den sportlichen Strapazen selbst. Die permanente Anpassung des Körpers an die dünne Luft und die abweisende Umgebung oder die Anfälligkeit für Erkrankungen (Atemwege und Magen/Darm), die mentale Belastung und der daraus resultierende schlechte Schlaf spielen auch eine große Rolle. Und 6000m sind ja jetzt im Vergleich zum Himalaya noch eher „moderat“. Komplett irre was die Profis da hinlegen an den wirklichen Giganten! Hut ab!

ABER: Auch die Profis sind nicht weniger anfällig und können auch gegen schlechte Verhältnisse nix ausrichten. Im Juni 2017 musste Laura Dahlmeier am Quitaraju aufgrund des weichen Triebschnees bereits oberhalb des Bergschrunds die Flinte ins Korn werfen. Direkt im Anschluss am Artesonraju versperrte ein unüberwindbarer Serac die letzten 100m zum Gipfel. Im Juli 2019 schafften es Alexander Huber und Fabi Buhl zwar auf den Tocllaraju, scheiterten aber aufgrund einer Erkrankung am nächsten Berg.

Fazit:

  • Es wurde niemand höhenkrank – D.h. unsere Akklimatisierungsstrategie kann nicht schlecht gewesen sein
  • Niemand hatte ärgere Magen-/ Darmprobleme – Die Versorgung mit sauberer Nahrung und dem gefilterten / behandelten Wasser war einwandfrei
  • Futter hatten wir reichlich. Mengenmäßig hätten wir noch Einsparpotential gehabt. Vor allem beim Porridge
  • Zucker, Speck und Kaffee sind die Garanten für gute Stimmung
  • Ohne Eselsupport ist die Schlepperei bis zum Basislager nur was für Masochisten
  • Bei selbstorganisierter Besteigung ohne Träger ist die Fast&Light-Strategie des Gipeltages ab Moränencamp eine gute Option
  • Beste Jahreszeit: Schwierig zu prognostizieren, weil stark schwankend. Nach der Regenzeit Ende Mai brauchen Wetter und Wand eine Weile um sich zu beruhigen. Die Anzahl der Gipfelposts auf Insta & Co. steigt in Richtung August. Ab dann wird die Wand wieder zu aper. Schätze mal wir waren zu früh dran
  • Ausrüstung: Muss jede Seilschaft für sich entscheiden. Wir hatten pro Team 4 Pickets (50-60cm), 8 Eisschrauben und Material für Abalakov-Abseilmanöver. Doppelseile 60m sind zwingend erforderlich
  • Zeitbedarf Alpamayo (Minimum): Ginge mit entsprechender Vorbereitung und entspr. Wetter/Verhältnissen auch gut in 5-6 Tagen

Ob der Alpamayo nun tatsächlich der schönste Berg der Erde ist, darüber kann man streiten. Sicherlich ist er aber ein unvergleichliches Wunderwerk der Natur und wer einmal die Chance hat ihn aus nächster Nähe zu sehen – so wie wir – der bekommt den Mund gar nicht mehr zu vor Staunen.

Geschlagen? Noch nicht ganz…

Zurück in Huaraz hatten wir noch gerade genug Zeit für einen letzten Schuss. Ein letztes großes Ziel. Aber wir waren nun gewarnt. Es musste ein Berg sein mit mehr Aussicht auf Gipfelerfolg. Ohne einen fetten Eintrag im Tourenbuch die Heimreise anzutreten hätte sich niemand vorstellen wollen. Es sollte aber trotzdem kein Pillepalle-Berg sein. Nix geschenktes! Und die 6000er-Marke zu knacken wäre auch ganz nett. Klingt wie die Werbung für ein Ü-Ei, aber wir entschieden uns für den

TOCLLARAJU (6034m) – Nordwestgrat.

Bier Bier Bier, Bett Bett Bett

Die Story dazu, inklusive Happyend folgt! 🙂

Steckbrief Alpamayo, French Direct:

  • Schwierigkeit: D+ (60 – 80°) in der French Direct, im Zustieg zum Highcamp kurze Stelle 60-80°
  • Absicherung: Im besten Fall durch kommerzielle Touren bereits eingerichtete Standplätze (Abalakovschlingen) alle ca. 60m. Im worstcase alles selbst abzusichern
  • Hoch / runter: 2500hm bis HC ab Cashapampa , ca. 400hm Steilwand ab Bergschrund / 3000hm Abstieg insgesamt
  • Übernachtungsmöglichkeiten: Nur Zelt, keine Hütten vorhanden in dem Gebiet. Kann aber nicht mehr lange dauern bis gebaut wird – fänd ich aber dann sehr schade

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