Touren in Österreich

Kleiner Lafatscher (2635m), Riesenverschneidung

13.06.2020

Exponentialkurve aus Fels

Einen Tag nach der Vorderen Karlspitze (Göttner) im Wilden Kaiser wollten wir noch Nachschlag. Obwohl Pause-Tour und trotz des berühmt berüchtigten äh brüchigen Karwendelgesteins ließ sich Kalk-“Liebhaber“ Thomas zu einer Dreierseilschaft hinreißen und stieß abends in Hall (Tirol) zu uns dazu. Simon schlief zu dem Zeitpunkt schon. Eventuell war die feuchte Biwaknacht mit räudigem Fuchsbesuch tags zuvor daran schuld.

Den langen Zustieg verkürzten wir früh morgens mit einer gemütlichen Bergtaxifahrt ab Absam bis unterhalb der Herrenhäuser. Hier im Tal wurde 700 Jahre lang bis 1967 Steinsalz abgebaut. Nach einem Lawinenabgang 1999 sind die Häuser dem Verfall preisgegeben und könnten durchaus als Schauplatz für einen Horrorfilm herhalten.

Nach Issjöchl, Lafatscher Joch und anschließendem, kurzen Abstieg in Richtung toll gelegenem Hallerangerhaus, unterhalb der imposanten Speckkkarspitze-Schnittlwände, biegen wir links ab. Der Blick öffnet sich zur treffenderweise als aufgeschlagenes Riesenbuch, Riesenverschneidung oder Exponentialkurve bezeichneten Nordostverschneidung des Kleinen Lafatscher. Viel logischer kann eine Linie im Fels einfach nicht verlaufen. Und genau deshalb will man da als Alpinist auch unbedingt hoch!

Die bizarren Schnittlwände der Speckkarspitze – sicher auch ein tolles Kletterziel
Der Kleine Lafatscher mit seiner eindeutigen Linie
Imposant – Der Waschbeton-Plattenschuss zur Linken
Hier schlüpfen wir ins Kletterzeug

Es sollte jedem klar sein, dass hier bloß (bzw. immerhin) die Stände saniert wurden. Dazwischen gibt’s Rost und Holz(keile). Friends der gigantischen Sorte (4-6) sind im steilsten Teil sehr ratsam und alternativlos – es sei denn man steht gern weit überm Holzkeil.

Vielleicht doch noch nen Friend dazu legen?!
Antiker (versteinerter) Holzkeil mit ebenso alter Schlinge unter Thomas‘ linkem Fuß

Oft wird vor häufigem Steinschlag gewarnt – bei uns blieb die Wand netterweise recht ruhig.

Entspannt klettert sichs dahin. Nicht immer den nächsten Haken finden zu müssen hat ja auch was Positives und verkoffern kann man sich bei der Route nun wirklich nicht. Selbst Mathelegastheniker erkennen beim Blick nach oben, dass die Exponentialkurve gegen Ende recht verikal wird. So bleibt unten genügend Zeit zum Aufwärmen.

Anfangs kann das Seil noch am Rucksack bleiben

Der Fels ist in der steilen Kurve tatsächlich als nahezu makellos zu bezeichnen – die Kletterei zwischen Waschbeton-artiger Platte links und herrlich strukturierter Wand rechts vom markanten Verschneidungsriss ist stellenweise ein wahrer Hochgenuss!

Beginn der Kletterei
Kuscheln am Stand

Der Riss variiert dabei in seiner Breite und lässt sich mal mit Hand, mal mit ganzem Bein (Stichwort Giganto-Friend) stopfen. Ab und zu kann zur glatten Betonwand links ausgespreizt werden, was die Sache nur umso abwechslungsreicher macht.

Blick nach oben in den steilsten Teil mit perfektem Handriss zu Beginn. Die Holzkeile sitzen im Riss in Bildmitte (schlecht zu erkennen)
Unser Eintrag im Schimmelbuch

Leider viel zu früh reißt die Kurve abrupt ab. Man verlässt die Verschneidung über ein Geröllband nach rechts und schaut noch einmal zurück in diese verrückte Szenerie, bei der ein Berg wie mit einem Tortenmesser geteilt worden zu sein scheint.

Es folgen schlussendlich dann doch noch ein paar Seillängen, in denen man nicht jedem Griff trauen sollte. Ist ja alles relativ, aber fand ich überhaupt nicht schlimm – Karwendelbruch hin oder her – gehört beim Alpinklettern eben dazu.

Letzte steile Stufe (V) bevor es durch brüchiges, etwas unübersichtliches Gelände links haltend zum Ausstieg geht

Am Ende schwingt man sich über den Nordostgrat raus auf die helle Seite des Berges – let the sunshine in!

Ausstiegsstand. Die Pfeile links wollen sagen: Gipfel rechts hoch, Direktabstieg links runter.

Ein scheinbar recht neu angelegter, gut markierter Abstiegsweg (ohne Umweg zum Gipfel) ist ab dem letzten Standplatz nicht zu verfehlen. Hält aber auch ein paar Harakiri-Seilgeländer / Abseilaktionen parat, damit nicht doch bloß Abgeschottert wird. Die letzten Höhenmeter wird der Schutt befahren wie eine Piste auf Skiern und schon ist man wieder zurück am Lafatscherjoch.

Unten kommt die Abseilstelle mit anschließendem Seilgeländer
Thomas bereits hinter dem Seilgeländer
Ich, in Tarnfarben am Seilgeländer

Im Abstieg latschen wir mit neidvollen Blicken an im Wald geparkten Mountainbikes vorbei. „Lafatscher“ kommt sicher von „Latschen“ – davon muss man in Zu- und Abstieg nämlich selbst mit Taxi reichlich.

Die tolle Klettertour ist eigentlich schon Entschädigung genug, aber unverhofft stolpern wir in den scheinbar doch nicht ganz verlassenen Herrenhäusern über ein Bierdepot. Bis das verspätete Taxi kommt haben wir uns schon schön einen reingebimmelt!

Cheers mates!

Jungs – geile Tour!

Steckbrief Kleiner Lafatscher, Riesenverschneidung:

  • Schwierigkeit: VI
  • Absicherung: Stände vom Local Heinz Zak saniert, dazwischen maximal Rostgurken und ein paar Holzkeile. Großes Friendset erforderlich!
  • Hoch / runter: ca. 1200hm Zustieg ab Parkplatz unterhalb Herrenhäuser, 400hm (10SL) Kletterei

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