09.08.2026
Wenn man Sonntags arbeitet
Nach der Tour ist vor der Tour. Blöd nur, dass die eigentlich angedachte Gonda am Oberreintaldom laut ortskundiger Kletterer klatschnass ist. Also sitzen wir abends gemütlich vor der Hütte, blättern im Führer und warten beim Biertrinken auf die Eingebung. Irgendwann, es ist schon fast finster, sind die Kehlen schon ordentlich feucht und wir nicht schlauer. Treffenderweise gäbe es ja eine „Via Planlos“ – die würde zu uns passen. Oder das von den Tischnachbarn wärmstens empfohlene „gelbe U“. Leider haben wir wegen der Rückgabe der Drahtesel die Schließzeiten des Bikeladens (18 Uhr) als harten Anschlag. Benni ist schon so verzweifelt, dass er mit wilden „ich leg mich auf die Parkbank, bringe die Bikes am Montagmorgen zurück und fahre mit der Bahn zurück“ – Vorschlägen kommt. Die beiden Moderne-Zeiten-Touren des Gebiets sind mir zu hart. Mein Fuß ist nach der gestrigen Schober auch nicht mehr so frisch.
Die Würfel fallen beim Frühstück am nächsten Morgen. Ich stolpere über die „Traumtour….die Schönste in diesem Grad im gesamten Gebiet“. Na das soll was heißen! Benni ist überzeugt – auf geht’s in die ebenfalls namentlich sehr treffende „Sonntagsarbeit“.
Und tatsächlich. Beim Blick in die Westwand läuft einem schon das Wasser im Mund zusammen. Die Route geht ästhetisch ohne viel hin und her schnurstracks durch die Mitte.


Den Einstieg finden wir nicht auf Anhieb. @Panico: euer Wandbild ist dran schuld. Die erste Seillänge verläuft 2-3m weiter links der eingezeichneten Linie. Außerdem ist die Sanduhrschlinge (Start der Route!) im Topo (noch?) nicht eingezeichnet. Die vom Erstbegeher selbst gebauten Ankerösen sind zudem extrem gut getarnt. Wurden früher offenbar einmal gelb angemalt, die Farbe ist aber mittlerweile arg verblasst.

Benni startet in super rauem Fels. Die nassen Stellen stören kaum. Generell ist die Qualität dieses wasserzerfressenen Kalks ein Wahnsinn, der seinesgleichen sucht. So schön, dass es sogar weh tut. Auch die Kletterei bietet alles! Wand, Verschneidung, Platte, Dächlein, Risse und zur Krönung eine irre Mono-Wasserrille (Crux) – bei durchaus alpiner Absicherung.
1.SL (6): Aufsteilend und super-griffig zur Schuppe im Dächlein. Senkrecht an guten Griffen weiter zum Stand unterhalb der Schrofen.



2.SL (3): Die einzige Länge die in Sachen Schönheit aus der Reihe tanzt. Schnell durch.
3.SL (5+): Entschädigung fürs Schrofengelände. Gerade hoch, schräg links über die Platte tänzeln und durch die Schwachstelle links des Überhangs in ein Risssystem. Stand in einer steinschlaggeschützten Nische. Das ist alles steiles Gelände und könnte auch als 6er durchgehen, wäre der Fels nicht so scharf, dass man fast dran kleben bleibt.




4.SL (7-): Nun geht es zur Sache. Aus der Nische raus sieht schwer aus, löst sich aber gut auf. Benni legt Keil und Friend, denn die erste Öse ist unangenehm weit oben und der Riss schluckt dankbar. Nun linkshaltend auf den gut gesicherten Überhang zu. Dort hat es einen kantigen Untergriff. Füße sortieren und entweder mit rechts blockierend athletisch weit mit der linken Hand zum Zielgriff (Benni) oder wie ich mit rechts eine kleine Leiste überm Dächlein kurz festkrallen und mit links hochschnappen. Tolle Stelle. Danach dranbleiben.








5.SL (5+): Zunächst rechts haltend zum Stand der „Brych“, diesen verlängert mitnehmen und ins Risssystem diagonal links hoch auf den nassen Überhang zu. Da bin ich kurz irritiert. Unser Bergsteigen.de – Topo macht einen Schlenker nach links. An der äußeren Begrenzung des, für nen 5er eigentlich zu steilen Überhangs, sehe ich auch eine alte Schlinge und mache mich an die Querung. Im nächsten Moment blitzt mir aber ein paar Meter weiter oben eine Öse entgegen. Ich leg noch 2 Cams und bin verwundert, wie einfach man sich dank perfektem Henkel über dem Dächlein drüberziehen kann.






6.SL (6): Schöne, plattige Wandkletterei leicht rechtshaltend.





7.SL (1): Nicht der Rede wert. 10m die sich problemlos an die 6. Länge dranhängen lassen. Man muss nur auf das herumliegende Geröll achten.
8.SL (7-): Die Schlüsselseillänge. In einer Linksrechts-Schleife erklimmt man zunächst den Schuppen-Überhang an extrem scharfkantigen Tropfloch-Strukturen (6+). Im Anschluss steht man vor einer komplett geschlossenen Steilwand, durch die eine einzige 10-20cm breite Wasserrille zieht. Benni cruised souverän durch. Hier entscheidet sich nun also der Team-onsight. Es hat immer gerade so viele kleine Näschen und Dellen, dass man nicht rausfliegt. In den Cruxmetern fallen mir fast die Füße ab. Der Rucksack zieht auch mehr als sonst. Benni feuert an von oben. Mit purer Willenskraft steig ich durch. Hei mi leckst am Arsch! Da war ich echt am Limit.






9.SL (6-): Der Drops ist noch nicht gelutscht. Irgendwie war ich da im Vorstieg noch zu dizzy vom Rillenkampf. Auf halber Höhe kommt im breiten Riss eine seltsame Stelle. Mein Kopf will plötzlich nicht noch weiter weg vom letzten Sicherungspunkt klettern, weil mein kaputter Fuß keinen noch so kleinen Sturz aushält. Und legen lässt sich nix. Da übernimmt die Vernunft und Benni. Im Nachstieg wars dann eh ein Klacks.



Der Gipfel ist eher ein gezackter Gratverlauf mit grandiosem Tiefblick runter ins grüne Becken des Oberreintals. Als würde man wie ein Adler über der Hütte schweben. Das Trödeln beim Frühstück fällt uns jetzt ein wenig auf die Füße. Es ist bereits 14:40 Uhr. Uns bleiben nur noch 3h bis GAP. Also Vollgas. Konzentriert dem Gratverlauf folgen bis zur westlichen Scharte, dort absteigen zum Beginn der top eingerichteten Abseilpiste.


Irgendwo unter der Westwand liegt noch ein Gratis-Tuber von mir. Hat Benni in einer der letzten Seillängen abgeworfen. Ablassen + Abseilen klappt aber problemlos und dauert nicht viel länger als mit zwei Abseilgeräten. Um 16 Uhr sind wir an der Hütte. Beim Sachen zusammenpacken geht sich sogar noch ein schnelles Bier aus. Die 400 Höhenmeter runter zu den Bikes sind auch flott erledigt. Nun kommt der schönste Teil vom Abstieg: das Ausrollen. Gleich am Anfang des ersten von vielen teilweise fiesen Gegenanstiegen stellt man sich widerwillig aus Gewohnheit drauf ein hart in die Pedale treten zu müssen. Heute aber drück ich den Turboknopf am Antrieb und baller entspannt den Trail oberhalb der Partnach hoch. Ein Hochgenuss. Und spätestens als wir beim nächsten längeren Gegenanstieg im Wald an einem armen Kerl mit schwerem Kletterrucksack und Bio-Bike vorbeisausen, als würde er auf der Stelle stehen, da denken wir uns – besser hätte man die Kohle nicht investieren können. Die Ankunftszeit vom Navi geht so arg zurück, dass wir fast in der Zeit zurück reisen.
Viel zu schnell sind wir am Eingang der Partnachklamm und müssen massenhaft Touris ausweichen.
Punktlandung! Wir haben es tatsächlich geschafft. 3h vom Gipfel Oberreintalturm bis GAP-Zentrum.
Was für ein Ritt!

Steckbrief Oberreintalturm, Sonntagsarbeit
- Schwierigkeit: VII-, VI obligat.
- Absicherung: alpin…dh. ausreichend, aber nicht übertrieben mit dicken Klebeösen ausgestattet
- Schlosserei: 10 Exen, ein paar davon lang, Friends bis 3, Keile, SU Schlingen
- Hoch/runter: nicht der Rede wert von der Hütte aus