09.07.2026
Eternal Flame des Dauphiné

Wenn du bloß für ein paar Tage bis ins weit entfernte Dauphine fährst, musst du Großes vorhaben. Hatten wir mit der Meije Südwand eigentlich auch. Die Rucksäcke waren schon gepackt, als wir unten bei La Berarde noch ein letztes Mal, bevor es ins Funkloch geht, den Wetterbericht für den nächsten Tag checkten und Bauchschmerzen bekamen. Also in erster Linie ich. Gewitterneigung am Nachmittag. 90% Risiko gar gegen Abend. Und das am weit und breit exponiertesten Gipfel ohne Fluchtmöglichkeit und Schutz, in einer Route, bei der man nie genau weiß, wie lange man braucht beim Durchnavigieren. Nachdem so ziemlich alle Wettermodelle im www gesichtet waren, stand für mich fest: die Kiste ist mir zu heiß. Im Nachhinein war der Donnerstag komplett wolkenlos…aber was willst machen. Umso cooler dass Simon und Erik bereit waren für’s Alternativprogramm: die Visite Obligatoire.
Also Rucksäcke wieder umpacken, umparken nach Les Étages und den steilen Bergpfad hoch in Richtung Refuge du Soreiller.






Ungefähr auf der Hälfte des Zustieges kommt man aus der Schlucht heraus ums Eck und der Blick wird plötzlich frei auf die majestätische Aiguille Dibona. Ein 400m hohes Wunderwerk der Geologie und Erosion. Wie ein senkrecht aufgestellter Riesensäbel steht sie da im Granitkessel des Cirque Soreiller. Nur die abgeschiedene Lage schützt sie vermutlich davor völlig belagert zu werden. Stünde sie in den nördlichen Alpen gäbe es sicher schon Straßen, Seilbahnen, Aussichtsplattformen und Panoramarestaurants in ihrer Nähe. Was aber nicht bedeutet, dass hier oben nix los ist. Unter Alpinkletterern ist sie international bekannt. Vor allem aber in Frankreich, Spanien und Italien. Die Hütte ist ausgebucht und selbst drumherum liegen die Anwärter kreuz und quer in der Landschaft verstreut in ihren Zelten und Biwaks.





Ein Kletterer erzählt uns von stundenlangen Staus in der Route. Eine Seilschaft habe gar 11h gebraucht. Allein 3h für die ersten 3 Seillängen. Das kann ja heiter werden. Panik in Simons Augen. Da haben wir kein Bock drauf. Also auf Simons Panik. Deshalb Wecker auf 4:20 Uhr. Nur um dann festzustellen, dass es noch stockdunkel ist. Wieder umdrehen, weiterpennen bis 5 Uhr, bis Simon plötzlich neben uns steht im Shirt und voller Klettermontur. Wtf? „Was‘n hier los???“ plökts. Das halbe Camp wäre fast aufgewacht. Ok die Dämmerung setzte langsam ein – los geht’s. Bis zum Einstieg, den Erik und ich am Abend noch ausgecheckt hatten, sind es lächerliche 15min. Kaum Zeit zum wach werden. Meine am Stockhorn Südgrat drei Tage zuvor geschrotteten Beine (Monstermuskelkater nach 14h Tour) und der ohnehin kaputte Fuß setzen sich noch etwas widerwillig in Bewegung. Langsam kommt Bewegung ins Camp. Die ersten Seilschaften rücken nach. Kann uns wurscht sein. Wir haben die Poleposition ergattert. Nach uns die Sintflut. Geklettert wird in Blöcken. 12SL durch 3 macht 4 SL für jeden. Erik fängt an:
1. SL (6+): Steiler Start an super griffigem, gut strukturiertem Fels. Kleiner rechts/links Schlenker in die Wand zum bequemen Stand auf dem Grasband.




2. SL (6+): Rechts des markanten schwarzen Wasserstreifens durch die plattige Wand.



3. SL (6): Jetzt wieder eher nach rechts oberhalb der Überhangzone an etwas schwitzig-schmierigem Fels.


4. SL (6+): Knallerlänge. Fotogener und klettertechnisch schöner geht’s kaum. Vom Stand an Chickenheads Querung nach links zur Unterbrechung des Überhangs. Dort an perfekten Schuppenzangen steil hoch der Rissspur folgend über einen weiteren kleinen Überhang kräftig zum nächsten Stand.







5. SL (7-): Wir wechseln durch. Simon übernimmt. Bereits nach der dritten Seillänge ist von den nachkommenden Seilschaften nix mehr zu sehen. Wir stehen ordentlich auf dem Gaspedal. Es wird nun an parallel verlaufenden Risssystemen geklettert mit oben raus runden Strukturen. Wenn man sich breit reinspreizt und den Kühlschrank umarmt, fühlt sich die Schlüssellänge nicht wirklich cruxig an, fand ich.




6. SL (5) und 7. SL (5): Verbindungsseillängen zur Headwall. Die einzigen unspektakulären aber trotzdem schönen Meter der Route.

8. SL (6+): Jetzt ist wieder Feuerwerk! Vom Band weg annähernd senkrecht von Diagonalriss zu Diagonalriss empor zum henkligen Monsterschuppen-Finish. Mit dicken Armen und einem extrabreiten Grinsen im Gesicht komm ich am Stand an.


9. Sl (VI): Simon haut zu spät die Bremse rein und klaut mir noch diese ebenfalls hübsche Länge entlang von runden Rissen.


10. SL (VI+): Jetzt schnapp ich mir die scharfen Seilenden. Um die Abwechslung perfekt zu machen, wartet nun eine recht kompakte Steilplatte. Erinnerte mich total an die Cruxlängen am 5. Turm des Stockhorn Südgrates. Nur dass ich heute ohne schweren Rucksack unterwegs bin (danke Erik fürs Wasser schleppen!) und auch bereitwillig die kleinen Dellen und Nupsis einfach antrete. Zum Stand hin einfaches Gelände.

11. SL (VI+): Hier folgt die Visite dem steilen Grataufschwung anstatt rechts auszukneifen. Super exponierte Verschneidung mit Fotohenkelexit. Dann über einfaches Gelände zum nächsten Steilaufschwung. Dort überraschend einfach aber athletisch hochwuchten.


12. SL (VI): Die Spitze des Säbels ist eine Offwidth-Arschritze. Gepierct mit einem Bohrhaken an der richtigen Stelle. Einmal kurz Arschbacken zusammenkneifen und drüber.






Der Gipfel stellt sich geräumiger heraus als gedacht. Vor allem wenn man unter sich ist. Denn weit und breit ist niemand zu sehen außer uns. Wir schauen auf die Uhr und stellen fest: Der Zug ist ganz schön schnell dahin gerollt. 4h20min für die ganze Tour. Kurz nach 10 erst. Ist schon ein Privileg diese Perle staufrei durchsteigen zu dürfen.

Die Visite Obligatoire folgt nicht den einfachsten, sondern den schönsten Strukturen aus Sicht des Kletterers. So ergibt sich ein Feuerwerk der Extraklasse! Von den etwas einfacheren Verbindungslängen im Mittelteil abgesehen ist jede Seillänge für sich auf seine Art ein homogen schwieriger Kletterschmaus. Der Fels ist überall sehr grobkristallin griffig, fest und ideal strukturiert. Purer Genuss. Die Absicherung unterstützt das Gesamtbild. Es wird nicht ganz alpine Sportkletterdichte an Bohrhaken geboten, man muss schon auch mal vom Haken wegklettern und sollte den Grad beherrschen, um sich wohl zu fühlen. 5 von 5 Sternen! Meije….was ist das? Na Scherz….wir kommen wieder!
Jetzt aber erst einmal runter kommen. Das geht erstaunlich einfach. Uns kommt noch ein Bergführer mit Kunde über den nordseitigen Normalweg entgegen. Dort seilt man an top eingerichteten Ständen 2mal ca 25m ab in den Sattel und quert abkletternd im IIer Gelände rüber zum Firnfeld. Der Rest ist Beinarbeit.



So ist man schnell zurück am Refuge Soreiller zum vormittäglichen Fassbier. Kostet zwar 9 wahnsinnige Euros, schmeckt dafür göttlich! Meinen mittlerweile grapefruitgroß- beleidigten Knöchel steck ich in den kleinen Bergsee an der Hütte, wir packen französischen Käse, Salami und Baguettes aus und leben wie Könige.




Cheers Dauphine! Vive la France!

Steckbrief Aiguille Dibona, Visite Obligatoire
- Schwierigkeit: VII-, VI obligat.
- Absicherung: gut, aber nicht übertrieben mit Bohrhaken abgesichert
- Schlosserei: 10 Exen, 2 davon lang, evtl. abgespecktes Set Friends
- Hoch/runter: 1100hm Zustieg, 12 SL auf ca. 400m Kletterei, 1500hm Abstieg