Traumtouren müssen nicht immer überlaufen sein. Voraussetzung dafür: Abgeschiedenheit. Und davon gibt es hinten im wilden Baltschiedertal reichlich. Endlich rücken Tibi und ich mal wieder aus für eine große Unternehmung 🙂
700 Höhenmeter bzw. einige Klettermeter mehr über das Auf und Ab am Grat wollen erarbeitet werden mit einem der längsten Zustiege überhaupt. Ganze 6 Stunden sind veranschlagt bis zum Stockhorn-Biwak.
Viel Abwechslung in einer grandiosen Gebirgslandschaft lassen die Zeit verfliegen. Gleich zu Beginn kann man der Gluthitze des Tages auf der Südseite des Rhonetals durch einen 1,6km langen Bewässerungsstollen (Suone) entkommen. Schnurstracks läuft man durch den stockfinsteren Berg und kommt im Baltschiedertal raus. Den Südgrat hat man ab dann fast immer im Blick.
Am Horizont: das Stockhorn von seiner SüdseiteBaltschieder-IdylleSchnucklige kleine Siedlung Durch diese Naht geht der Drahtseil versicherte Steig zum Biwak.Wir haben beim Wasser-Poker gezockt und gewonnen. Frisches Quellwasser kommt hier direkt am Anfang der Naht aus dem Berg. Im Biwak ist die Ressource rar und Restschnee um die Jahreszeit meist nicht mehr vorhanden zum Schmelzen.Hier bereits aus der Schlucht rausgeklettert.Links das Biwak-Ufo, in Bildmitte im Profil der von dieser Perspektive (täuscht!) gar nicht so arg steil ausschauende Südgrat mit seinen fünf Türmen.
Wieviel mag wohl los sein in der Raumkapsel?
Die Antwort: nix! Wir haben das ganze Biwak…ja sogar den ganzen Berg für uns 🙂 Aber ganz alleine sind wir nicht….denn als ich die eigentlich abgesperrte Schatzkiste unter dem Biwak öffne ist Partytime:Cheers!Danke für dieses vorzüglich in Schuss gehaltene, top ausgestattete Premiumbiwak an so einem wunderschönen Ort. Und vor allem das kalte, köstliche Bier! Wieviel wir davon getrunken haben wissen nur wir und der Hüttenwirt, wenn er die Überweisung einsieht.Klein und fein die Küche, mit reichlich Gas zum Kochen. Ein hilfreiches Topo ab dem 3. Turm gibt’s auch.Kitschige Sonnenuntergänge mit Blick auf Weissmiesgruppe links, Mischabelgruppe mittig und Weishorn rechts sind ebenfalls inklusive.
Der Wecker klingelt um 5 Uhr. Nach einem ausgiebigen Frühstück starten wir eine Stunde später zum 15min entfernten Einstieg.
Der seilfreie Start am ersten Turm. Möglichkeiten gibt es hier viele. In der Rinne links könnte man auch theoretisch im Eiltempo umgehen, aber wir sind ja zum Genussklettern hier.
Lange dauert es aber nicht, bis wir den Strick früher als gedacht auspacken. Der Fels ist zwar perfekt griffig und fest, der Turm steilt aber allmählich auf und an das Klettern in Bergstiefeln im Granit muss man sich erst gewöhnen.
Bereits von der Sonne geküsst. Unten links steht die Biwakschachtel.Auch die Strategie mit dem möglichst langen Klettern in Stiefeln werfen wir im oberen Teil von Turm1 über Bord. Tibi hier im Vorstieg in einer von vielen tollen Passagen. Wo es geht klettern wir am laufenden Seil. Oft müssen wir die Seillänge anpassen oder auf Standplatzsicherung wechseln, weil es doch steiler zugeht. Auf Turm1 angekommen mit Blick auf Turm2 und das majestätische Bietschhorn.Der 2. Turm mit ansprechender Risskletterei im Mittelteil.Rückblick auf Turm1 (abzuklettern) und das untere Baltschiedertal. Die Ausmaße sind schon gewaltig.Tibi gut getarnt 50m unterhalb.Saaser und Mattertaler 4000er Parade wie ein Gemälde im Rücken.Tibi auf den letzten Metern von Turm2.Vom 2. auf den 3. Turm ist es nicht weit. Oben angekommen sieht man die Schlüsselseillängen der Tour ein am 5. Turm. Auf dem Bild oben kommt das nicht wirklich rüber, aber man kann von der Position aus sehr gut erahnen wo man die Hände aus den Hosentaschen nehmen müssen wird. Salopp formuliert.Abseiler vom zackigen 4. Turm, dessen Spitze nicht erklommen, sondern links luftig umgangen wird.In der Scharte zw. Turm4 und 5.Den Beginn macht Tibi mit einer recht kompakten, tüfteligen 6-. Der Nervenschoner links im Bild ist am 5. Turm nicht der einzige. Da kann man als Traditionalist drüber schimpfen. Ich will mir jedenfalls nicht vorstellen diese zwei (mit Zwischenstand drei) Seillängen ohne Bohrhaken und dafür, wie uns ein alter Bergführer im Tal später erzählt, mit Bollerschuhen, hoch zu steigen. Denn mobil absichern ist an den langen, strukturarm-plattigen Abschnitten kaum verlässlich drin.Die 6- Passage in der zweiten Seillänge in irgendwie andersartigem, goldenen Granit. Steil, kompakt, mit geschlossen runden Rissstrukturen fiel sie mir überraschend schwer. Da hat der Rucksack mehr gewogen als sonst. Der Zwischenstand macht Sinn, denn die 45m-Länge macht nun einen gröberen links-rechts Schlenker zur Crux. Hinter Tibi sieht man gut die dicht beieinander stehenden Türme 2-4.Tibi ist wieder dran. Auch über diesen Bohrhaken freuen wir uns. Nicht geschenkt für den Grad muss erst der kleine Überhang überwunden werden, bevor es in die leichtere, aber herrlich exponierte Linksquerung zur nicht einsehbaren Schlüsselstelle geht. Die senkrechte 6er-Verschneidung entpuppt sich dann allerdings als gutmütig-henkelig.Der Turm wird wieder zum Grat. Maximal ein 4er muss noch geklettert werden auf dem Weg zum Gipfel.Gipfelkreuz in Sicht.Cumbre!!! Was für eine geile Felsfahrt!Wo man auch hinschaut: Atemberaubende Hochgebirgskulisse! Ist das nicht der Paramount-Pictures-Berg? Zwischen uns und dem formphantastischen Bietschhorn erstreckt sich eine unendlich erscheinende Querverbindung. Der Stockhorn Südgrat in Kombination mit dem was da noch folgt ist mit dem legendären Peutereygrat am Montblanc die längste Kante die sich Alpinkletterer geben können in den Alpen. Gleichzeitig Bestandteil der Walter Pause Im-extremen-Fels-Kletterbibel.
Den vollen PauseExtrem-Punkt darf man sich hier oben am Stockhorn also definitiv nicht eintragen. Wenn ich mir den Verbindungsgrat und den SE-Grat vom Bietschhorn so anschaue, reichts in der Statistik nicht einmal für die halbe Tour – so elendslang und schaurig schaut der zweite, alpinere Teil der Gewalttour aus. Dafür ist der Fels dann aber auch ekelhafter Schrott, wie man so liest. Auf den Pausepunkt geschissen. Das sollen sich andere antun. Doch lieber den Ostgrat runter. Der ist zwar auch Schrott, allerdings gutmütig in der Steilheit. Jedenfalls großen Respekt für diejenigen, die sich dieses komplette Monster geben!
Im Abstieg am Ostgrat. Ciao Felsqualität. Überhaupt scheint an diesem Massiv nur der Südgrat zusammen zu halten.Und der kann sich im Profil sowas von sehen lassen! Bissle schaut er eh aus wie der Südgrat an der Aiguille Noire de Peuterey 😉 Fehlen nur die Gletscher drumherum…und der Montblanc.Hat sich da eigentlich wer verzählt? Sind es nicht 6 Türme wenn man den Gipfel dazu zählt? Vielleicht haben wir deshalb 8h gebraucht?! Im Abstieg sind wir dafür flott unterwegs. Die Abseilstellen überklettern wir einfach, trinken hinterm Biwak-Klettersteig nochmal von unserer Quelle und gehen den laaaaangen Abstieg ins Tal an. Gut, dass Tibi noch Génépi-Elexier in seiner Schnapsflasche hat.
Nach satten 14h sind wir zurück an Tibis Bus. Sensationellerweise gibt es dort nicht nur Bier, sondern auch die Info vom besten Campingplatz in Visp, dass der Pizzaofen noch heiß ist.
Die Dusche am Abend ist göttlich und nach einer Nacht im Hotel Caddy wird schon wieder im Auswahlführer geblättert 😉
Was die wohl gemacht haben?
Steckbrief Stockhorn Südgrat
Schwierigkeit: VI an 2-3 Stellen, meist 3er-5er Gelände
Absicherung: an den entscheidenden Stellen stecken Bohrhaken, Rest gut absicherbar
Schlosserei: 8 Exen, 2 davon lang, reichlich Schlingen, Cams bis 2, mittlere evtl. doppelt
Hoch/runter: 1600hm Zustieg bis Biwak, 700 Höhendifferenz Biwak-Gipfel