24.08.2025
Das große Überraschungsei
Der Beitragstitel hätte auch lauten können „Zwei Behinderte mit Größenwahn“. Waren wir doch beide körperlich in zweifelhafter Verfassung und hatten dennoch mit Rotgrat + Täschhorn-Dom-Traverse in Sachen Gesamtanspruch Pläne höherer Dimension.
So ist das bei den Familienvätern: die Fitness geht, der Anspruch bleibt.

Bild oben – der Rotgrat im Profil, vom Weingartengletscher aus: in der oberen Bildmitte sieht man gut die drei Firnfelder mit den Steilaufschwüngen dazwischen und der abschließenden Bastion links, deren letzter Turm den Gipfelgletscher berandet.
Um die Anspannung etwas zu lockern (und weils schmeckt) trinken wir bei Ankunft auf der Täschalpe aka Ottawan auf dem Parkplatz erst einmal eine Pulle warmes Bier und satteln auf zur Täschhütte.
Es sollte der letzte Gerstensaft sein für die nächsten 48h.




„Ideale Eingehtour und schönster Zustieg zum Mischabeljochbiwak“ schreibt Ralph Gantzhorn (R.I.P.) sinngemäß in seinem Himmelsleiter-Führer, der Bibel für Grate-Fans. Drei oder vier Seilschaften stehen an diesem Morgen tw. deutlich früher auf als wir und ziehen los Richtung Rotgrat. Thomas und ich frühstücken gemütlich, Abmarsch 6 Uhr zum Morgengrauen. Reicht doch locker, ist ja nur ne Eingehtour. Schwierigkeit ZS mit IIIer Kletterstellen. Süß. Da sollten wir uns noch wundern.


Bild oben: Täschhorn mit seinem Mischabelgrat rechts runter

Bild oben: Die wilde Alphubel-Westseite mit dem unscheinbaren Wissgrat in Bildmitte, dem Vereinigungspunkt mit dem Rograt darüber und der großen Bastion mit dem markanten Abschlussturm ganz oben


Oben am Steinmännchen-Friedhof mit Blick zum leergelaufenen Weingartensee geht er los, der Wissgrat – nördlicher Seitenarm vom Rotgrat. Und siehe da – plötzlich wird der Fels fest. Lässige, einfache Genusskraxelei. Irgendwo weiter hinten, kurz vorm dann leider wieder schuttigen Steilaufschwung, packen wir das Seil aus. Am Punkt 3637m treffen sich Wiss- & Rotgrat.





Von da an sind wir voll im Wind. Mit kalten Flossen stapfen wir über das erste, fast ebene Firnfeld bestens gespurt rüber zum ersten Steilaufschwung. Man hat die Wahl zwischen steilem Plattengelände in der linken Flanke, rechts ums Eck schaun wir erst garnet weils so kalt ist, deshalb rampf ich mich einfach geschwind geradeaus durch eine senkrechte Verschneidung mit Klemmblock bevor mir noch die Flossen abfrieren. Gut – hatte mit nem IIIer überhaupt nix mehr zu tun, aber wir waren schnell oben.

Über das Firnfeld #2 zum nächsten Steilaufschwung. Einen Felssturz soll es da irgendwann einmal gegeben haben. „Super brüchig“, „Vorrücken unter Artilleriebeschuss“ usw. liest man in der Literatur. Ein wenig aufpassen muss man schon, aber wirklich unangenehm fanden wir die Passage nicht.
Drittes Firnfeld. Nun steht man vor dem Endgegner. Die ca. 300m hohe Bastion. Gleich zwei Überraschungen erleben wir. Die ersten 1-2 Seillängen Wandkletterei sind ganz schön plattig-steil und kleingriffig, dafür blitzen beginnend am Einstieg diverse Bohrhaken in der Wand. Ich schieb mich von Sims zu Sims und bin froh, dass der Fels trocken ist. Die Haken hängen leider oft ungünstig weit links, deshalb drück ich noch den kleinen blauen Friend in eine Schuppe. Auf Gipfelbuch.ch und diversen Blogs wird man bereits vorgewarnt. Manche werfen für diese Passage einen glatten 5er in den Ring. Ob nun 4+ oder 5-, in jedem Fall offiziell deutlich unterbewertet unserer Meinung nach. Bergstiefelklettern mit Handschuhen auf 4000m tun ihr übriges. Auch die Wegfindung ist über weite Teile nicht trivial, weil sich der Grat im Mittelteil verliert. Die ersten 4 Standplätze sind gebohrt. Spätestens dann weiß man, dass man richtig ist. Oft helfen Steigeisenspuren bei der Orientierung. Bilder haben wir leider keine gemacht – zu kalt waren die Finger.
Vor einem markanten Quarzband teilt sich die Wand auf. Ganz links sieht man eine sehr steile Verschneidung. Schaut verlockend aus, auch baumeln dort ein paar gammelige Schlingen. Ist aber definitiv falsch! Rechts querend käme man in einfacheres, dafür brüchig ausschauendes Gelände. Geradeaus über das Quarzband (Schlaghaken mit Ring 2-3m überm Stand) in eine seichte Verschneidung lautet die Lösung. Oben raus wird die Seillänge auf den ersten Blick ziemlich steil. Anfangs ist unklar, wie man dem entkommt, löst sich aber wunderbar einfach auf. Eine der schönsten Passagen der Tour.

Bild oben: Thomas am Quarz-Querband





Bild oben: in der Umgehung des Steilaufschwunges



Bild oben: wieder am Grat , unterhalb des Quarzturmes


Bild oben: Offensichtlich am Quarzturm.
Im Anschluss wird das Gelände blockiger. Thomas übernimmt. Noch eine steile, athletische Wandstelle mit Schlinge wartet, bevor es wieder auf den Grat geht, der in den Quarzturm mündet. Dieser wird herrlich exponiert überklettert.


Bild oben: Oberhalb des Quarzturmes, unterhalb den plattigen Gipfelfelsen.
Dahinter besteht die Möglichkeit nach links in die Firnflanke auszuweichen. Wir bleiben im Fels, bereuen es aber kurz drauf fast schon, weil die abschüssigen, nach unten geschichteten Platten ziemlich unangenehm zu klettern und zudem schwierig mobil absicherbar sind. Auch hier wurde mit einem Bohrhaken an der richtigen Stelle entschärft. Leider sind wir zu beschäftigt um Fotos zu schießen.
Auf 4165m endet die Tour auf dem höchsten Turm, da wo vom Süden die Eisnase einmündet.

Bild oben: die letzten Meter im Fels.
Krasser Kontrast. Man steigt aus dem Felsenmeer und steht plötzlich auf einem riesigen Gletscherbuckel. Wir sind aber noch lange nicht am Ziel. Außerdem sind wir gut paniert. Höhe, Wind, Trainingsrückstand und eine „Eingehtour“, die diesen Namen nicht verdient hat, haben uns den Spiegel vorgehalten. Kurz beratschlagen wir uns wie es weitergehen soll. 2000 Höhenmeter Abstieg zum Auto und damit die Flinte ins Korn schmeißen? Das Mischabelbiwak wollen wir uns nicht entgehen lassen – also rüber zum 3m freigeschmolzenen Gipfelkreuz und gleich weiter zum Nordgrat.


Der Blick wird frei zum eigentlichen Ziel: das Täschhorn. Gewaltig zieht der Mischabelgrat hoch zum Gipfel. Die Biwakschachtel im Joch – ein winziger Punkt.Der Grat ist vereist. Das Abklettern (Stellen III) mit Steigeisen anstrengend. Mein Fuß mag die Eisen überhaupt nicht.

Bild oben: am Nordgrat mit Blick zur Biwakschachtel unten im Joch und dem dort beginnenden SE-Grat (Mischabelgrat) des Täschhorns. Rechts dahinter – der Dom und ganz rechts im Bild – die Lenzspitze.
Endlich kommen wir nach insgesamt 11 Stunden am Biwak an. Volle Hütte. Vorteil für Spätankommer: der Holzofen brennt bereits, töpfeweise wird Schnee aufgeschmolzen. Wie gerne würde ich jetzt Bier und Käsespätzle bestellen. Doch Halbpension gibt’s auf 3855m nicht. Es gibt Feuer im Ofen und Eis unten am abgesackten Gletscher. Jeder muss mal ran. Netterweise gibt’s noch Heißes Wasser für uns. Der Tütenfraß schmeckt wie im Sternerestaurant. Zum Nachtisch gibt’s zwei 400er IBUs. Köstlich. Nach einer kurzen Verschnaufpause ziehen wir die Bergstiefel wieder an, werfen Kübel und Schaufel über und klettern runter zur Eismine.




Abgestürzt beim Schnee-Schaufeln. Wär schon ne dämliche Meldung. Deshalb besser das Hirn nicht im Biwak lassen. Hauptbeschäftigung am Abend: Schnee schmelzen. Um den glühend heißen Ofen wird herum gewuselt. Da fängt man sich schnell ein Brandmal ein. So auch der eine Franzose – verbrennt sich erst die Finger am Topf und lässt sich diesen samt kochendem Inhalt auf die nackten Füße fallen. Jackpot! Gut, dass der Siedepunkt in dieser Höhe bereits bei ca. 85°C liegt. Lindert den Schmerz offensichtlich trotzdem nur wenig. Überhaupt – Thema Füße: mehr kaputte Füße als an diesem Abend in der Biwakschachtel gibt es wohl nur im Krankenhaus. Ein deutscher Bergführer, eine britische Bergführerin und meine Wenigkeit – macht 3 gebrochene Sprunggelenke, plus einen verbrühten Franzos, plus X (die anderen anwesenden Füße schauten halbwegs ok aus). So…Schlafenszeit. Draußen windets so heftig, dass die ganze Schachtel pfeift – das machts drinnen nur umso gemütlicher. Ändert bloß am Gestank nix. Man darf nur nicht dran denken, dass um 3 Uhr morgens der Wecker schon wieder klingelt. Denn dann heißt es: Täschhorn. Oder doch nicht?



Steckbrief Alphubel, Rotgrat
- Schwierigkeit: unser Bewertungsvorschlag (wir hatten gute Verhältnisse): ZS+/D-, weil Kletterei bis IV+/V-
- Absicherung (Bastion): nicht ohne Grund mit BH in den ersten 1-2 SL und an den ersten 4 Standplätzen ausgestattet. Ein weiterer BH an den plattigen Gipfelfelsen
- Material: übliches Hochtourengeklimper + abgespeckter Satz Friends bis 1er & reichlich Schlingen
- Hoch/runter: ab Taschhütte bis Mischabeljochbiwak sind es 1500hm Aufstieg am Rotgrat, 400hm Abstieg am Nordgrat