7.8.2025
Zurück in der Welt von Walter Pauses verrückten Extremklassikern

Ein Jahr und 10 Monate nach dem Unfall war es endlich so weit. Zwar ließ die Kraft in den Fingern noch etwas zu wünschen übrig, aber so ein 6erle kommt man ja immer irgendwie hoch. Blöd nur, dass ein werter Daniel Mohler aka „alle Pausetouren geklettert“ in seinem Bericht was von „könnte durchaus 7+ sein“ schreibt. Und da präsentierte sich die Wand in besten, weil trockenen Verhältnissen. Das konnten wir in unserem Fall nach 3 Wochen Siffwetter und bloß einem Trocknungstag nicht erwarten. Spannung war also angesagt.
Nach einer Nacht auf dem großen, leer gefegten Parkplatz von Innerthal waren wir bereits nach 20min am Fahrraddepot der Almhütte. Möglich machte dies Simons leistungsstarkes E-MTB mit Abschleppseil.


Sehr lässig. Wohl der entspannteste Zustieg einer Pausetour ever. Der Blick wird nun frei auf das Bockmattli-Massiv. Ein 400m-Kalkklotz, der wie ein gelandetes Ufo inmitten von grünen Blumenwiesen rumsteht.


Nachdem unsere Kinnlade wieder eingefangen war, bestätigte sich leider auch unsere Befürchtung: Hässlich-nasse Wandbereiche entlang des wunderschönen Routenverlaufs. Unweit der in Renovierung befindlichen, sehr urig ausschauenden Kletterhütte deponieren wir noch 2 Kolben Gerstensaft in einem Murmeltierloch (gute Idee?) und queren durch teilweise knöcheltiefen Matsch rüber zum schrofigen Zustiegsvorbau. „Bei Nässe unangenehm…“ steht geschrieben in den Foren. Können wir bestätigen.

Deshalb nehmen wir auch auf halber Höhe das Seil raus bis zur Schlucht.

Am Einstieg hat man genügend Platz, um sich nochmal zu sortieren. Man hat die Wahl zw. freiem Steilplattenquergang unten rum (6+? 7?), oder klassisch diagonal nach links zum Pendel-/ Ablasskarabiner, um die Plattenzone zu überlisten. Überall läuft die Soße die Wand runter und damit auch die feuchten Rotpunkt-Träume.

Also klassisch rüberschwingen aufs Band.

Von da an kann man sich 3 SL eingrooven, weiterhin auf Absätzen nach links, unterhalb der riesigen Betonplatte, querend.



Eine tolle Rissverschneidung hoch auf einen Pfeilerturm muss man das erste Mal zupacken.


Ein paar Meter unterhalb der markanten Verschneidung in Wandmitte bezieht man zwar bequem Stellung, kann aber blöderweise von da den Vorsteiger in der folgenden Cruxlänge nicht einsehen und bekommt außerdem Seilreibung.

Simon löst das Problem, indem er nach ca. 15m den nachsanierten, etwas umständlich anzukletternden Schlingen-Zwischenstand links der Verschneidung bezieht.


Die folgenden 1,5 Seillängen versprechen (im trockenen Zustand) tüfteligen Klettergenuss mit glatter Platte rechts und Seit-/ Untergriffe im Verschneidungsgrund links. Bei uns schaut die Lage leider so aus:

Spätestens hier freut man sich dann über die üppige Absicherung. Nass auf Reibung ist irgendwie unsexy. Schad drum, aber spätestens an der Dachquerung hätten wir uns die Badekappe aufsetzen können und nullen zum Ausstiegshenkel.








Der senkrechten Verschneidung entkommen wird die Kletterei ab hier deutlich einfacher. Fühlt sich jetzt wieder nach 6. Grad an – so wie im Topo hinterlegt. Da könnte man fast glauben die Schwierigkeitsskala macht in dieser Route bei 6a einen nicht linearen Sprung nach oben.



Die Sicherungsabstände werden nun größer, so kommt noch der ein oder andere Friend zum Einsatz. Der Fels ist weiterhin tadellos, die Kletterei ideal flowig. Nur an einer Stelle verweigere ich das Überklettern eines klatschnassen, bauchigen Steilaufschwungs im Vorstieg und schick Simon wieder vor. Da hab ich noch zu viel Schiss um meinen angeschlagenen Fuß.


Bild oben: Sogar Tom Selleck schaut kurz vorbei

Entweder waren alle anderen Aspiranten geduldiger als wir oder wir hatten Glück, aber an diesem Tag sollten wir die ganze Nordwand für uns haben. Nach gar nicht mal so langsamen 4,5h (ab Einstieg) stehen wir am Gipfelkreuz und werden von einem prächtigen Panorama belohnt.



Der Blick reicht über grünes Alpenvorland und den See bis nach Zürich. Erst jetzt checkt man so richtig, dass man auf einem riesigen Turm steht, welcher dem Hauptmassiv vorgelagert ist. Die Verbindung dort hinüber schaut wild zerklüftet aus, der Weg ist auf den ersten Blick nicht erkennbar.

Schöner Tapetenwechsel. Wertet das Gesamterlebnis weiter auf. Es wird abgeseilt, an stellenweise brüchig ausschauendem Fels auf luftige Zwischentürme geklettert und am Ende in Zustiegsschuhen sogar noch im 4. Grad eine Rampe mit runden Griffen erklommen. Muss man aber nicht komplett frei machen, denn auch hier wurde zwar mager, aber ausreichend saniert. Simon und ich nutzen das Angebot und nehmen entspannt jede Abseilstelle und jede Sicherungsmöglichkeit mit.









Weil Sepp Gwiggner irgendwann gesagt hat, dass eine Tour ohne Gipfel nicht zählt (oder so ähnlich) latschen wir sogar noch auf den Hauptgipfel rüber. Auf der Rückseite ist der Bockmattli überraschenderweise bloß noch eine Kuhweide.

Das macht den Abstieg sehr einfach und super entspannt. Die perfekte Tour für den Gehbehinderten. Die Stöcke kommen zum Einsatz und kurze Zeit später ziehen wir die deponierten Kolben aus dem Murmeltierkühlschrank. Herrlich!

Abschlussbier direkt unter der Wand, mit Blick in die Traumlinie, nach einem wunderbaren Abenteuer.


Die Kirsche auf der Torte ist danach die Downhill-Abfahrt zurück zum Auto in lächerlichen 7 Minuten.

Cheers und danke Simon für den Comeback-Support!
Fazit: Feuchter Mattli macht Bock, trocken sicher noch mehr. Müssen wir vielleicht wieder her kommen für den roten Punkt?
Steckbrief Großer Bockmattliturm, direkte Nordwand
- Schwierigkeit: VII- (mindestens), VI (A0)
- Absicherung: Sehr gut im harten Mittelteil, gut davor und danach
- Schlosserei: evtl. Satz mittlere Friends
- Hoch/runter: ca. 600hm Zustieg, 400 davon gehen per Bike, 400m Kletterei auf 12 SL, in Summe 1000hm Abstieg/Abfahrt