Touren in der Schweiz

Wildhauser Schafberg, Schafberg-Kante

30.05.2025

Alpstein-Klassiker, ideal für den Saisonstart im Alpinklettern, bei dem man es sich beliebig schwer machen kann. Schweizer Bergidylle soweit das Auge reicht.

Inmitten von saftigen Blumenwiesen ragt sie auf, die Schafbergwand. Eine von der Tektonik aufgestellte Riesenplatte. Begleitet vom obligatorischen Kuhglockengebimmel überklettern wir heute von links nach rechts den gesamten Zackengrat im Profil. Im Zustieg schlendern wir noch am Souvenirladen vorbei, da nimmt Lorenz gleich die Einkaufstüte mit.

Es muss ja auch nicht immer gleich der 300€-Lightweight-Mammut-Rucksack sein.

Die schottrige Rinne und die schrofigen Meter hoch zur Anlegestelle auf dem ersten Vorturm sind schnell erledigt. Bereits dort ist der Ausblick ein Träumchen. Den Hardmover-Klassiker „Kein Wasser, kein Mond“ sieht man in voller Länge. Ein Fels, wie aus einem Guss.

Bei uns geht es gemütlicher zu. Aber bereits in der 2. Seillänge beginnt das Schwierigkeitsgrad-Rätselraten.

In der vermeintlichen 4b-Variante des klassischen Weges, rechts durch die Verschneidung (oben nicht im Bild), blitzt die Seilschaft vor uns gleich mal ab und versteht die Welt nicht mehr. Alternativ gibt es eine eingebohrte Rissspur geradeaus hoch – sieht hart aus. In unserem Topo wird die Variante links herum über den Schlaghaken mit 5c+ angegeben, also da hoch. Auch in der 3. SL hat man die Qual der Wahl. In einfacher Kletterei mittig über die Stufen oder im Premiumfels, exponiert außen an der Pfeilerkante entlang (6a). Ich kann nicht widerstehen, geb mir die Kante und werde zunächst mit feinster Kletterei belohnt. Merke aber den akuten Trainingsrückstand. Mit dem angeknacksten Fuß gleich an der Grenze klettern macht auch nicht wirklich Spaß. An einem anspruchsvollen Bauch im oberen Drittel kneif ich deshalb aus und schwing mich rüber zum Normalweg. Irgendwie schwer für den Grad.

Und während ich mich noch frag, ob’s an meiner Form oder den Gebietsbewertungen liegt, geht es gleich weiter mit den Kuriositäten. In Seillänge fünf steht nämlich linkerhand eine mit Rasierklingenkalk gespickte, annähernd senkrechte, grifflose Wand. Sieht fast unmöglich kletterbar aus…hat aber laut Topo bloß eine 6a+. Ahja?! Wir verzichten und nehmen dieses Mal den klassischen Weg rechts davon. Eine 4b, bei der sich Hannah fast zu Tode gepiazt hätte. Die kleine Verschnaufpause im Gehgelände von Seillänge 6 nutze ich, um mich auf einer Latschenkiefer so auf die Fresse zu legen, dass ich mir die halbe Fingerkuppe vom linken Ringfinger an einer Felskante wegschnippel. Gerade rechtzeitig vor der obligatorischen Crux der Route. Davor gilt es allerdings noch eine senkrecht-abdrängende 2c-Passage zu meistern.

Wer glaubt das sei ein Widerspruch an sich – nicht hier. Tibis Erste-Hilfe-Set kommt zum Einsatz. Der einzige Speck der gesamten Tour findet sich leider ausgerechnet in der Schlüsselseillänge Nr. 8. Angegeben mit 5b. Athletische, weite Züge an polierten Griffen und luftig-steilem Pfeiler.

Mit neun Fingern noch ein bisschen schwerer als eh schon. Hat aber selbst mit 10 Fingern wieder nix mit dem Topo-Grad zu tun. Bestätigt auch Marcel Dettling in seinem Blog – und der muss es ja wissen. Eher 5c+ meint er. Der Fels ist in diesem Abschnitt anders beschaffen, nicht mehr so kompakt, lässt sich aber trotz Politur gut klettern und die Haken hängen besonders dicht. Noch ein letztes Mal darf man sich über den Grad 4b wundern in der 10. Länge, wo man etwas tricky in eine Verschneidung klettert. Der Rest bis zum unscheinbaren Gipfelchen ist Auslaufen bei bestem Wetter und einer Rundumsicht wie aus dem Bilderbuch.

Abgestiegen wird in unmittelbarer Nähe zum Gipfelbuch zunächst abkletternd (alternativ abseilend) auf der Nordseite. Ein schmaler Trampelpfad leitet im Anschluss durchs Steilgras (Vorsicht bei Nässe) zur Abseilstelle durch einen Einschnitt in der Wand und schon steht man auf den saftigen Wiesen des eigentlichen Schafbergs, in unmittelbarer Nähe zum Normalweg, zurück ins Tal.

Steckbrief Schafbergkante

  • Schwierigkeiten: 5c+ (5b A0) in der SSL, sofern man auf der klassischen Route bleibt
  • Absicherung: an den schwierigeren Stellen gut bis sehr gut
  • Schlosserei: Friends bis Größe 2 für die leichteren Passagen schaden nicht

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert